—Blog

von Markus Albers

RSS Feeds:

Markus Albers on Twitter:

    “Wir haben immer mehr Möglichkeiten, uns unsere Lebensnische zu suchen”

    off

    Menschen basteln sich aus vorhandenen Lebensstilen und Sinnelementen ihre eigenen kleinen lebbaren Konstruktionen, sagen Soziologen. Diese Entwicklung verstärkt sich nun durch die Interessen-Communitys im Internet, durch jene Stämme, die sich rund um Themen und Thesen, Produkte und Persönlichkeiten bilden, vermittelt durch neue Kommunikationstechnologie.

    „Wir nehmen wahr, dass wir, vor allem auch durch das Internet, immer mehr Möglichkeiten haben, uns unsere Lebensnische zu suchen“, sagt Timo Off, der nach einigen Jahren als Lehrer heute das Schleswig-Holsteinische Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen berät und eine Agentur für Kommunikationstraining betreibt, in der er Lehrer und Manager fortbildet: „Lebenswege sind dabei weniger vorgezeichnet, als sie das noch vor ein paar Jahrzehnten waren. Denn das in die Wiege Gelegte der Eltern verliert an Prägekraft und wir sind vor die Wahl gestellt, welche Wege wir wirklich gehen wollen.“

    Welche Konsequenzen er daraus allgemein, aber auch speziell für sein Fachgebiet, die Lehrerausbildung, ableitet, wollte ich – wiederum als Recherche für mein nächstes Buch – genauer wissen. Hier der erste Teil des Interviews:

    Zunächst zu Dir: Wenn ich das richtig lese, warst Du Lehrer, bist nun aber Kommunikationstrainer und Buchautor, richtig?  Was ist die Geschichte dazu?

    Nein, ich bin mehr. Der Reihe nach: Ich habe bereits in der Schule gewusst, dass ich Lehrer werden will. Lediglich die Fächer Mathematik und Philosophie reiften erst später. Im Studium dann der Theorieschock. Das hatte alles inklusive der Pädagogikeinheiten nichts, aber auch gar nichts mit Schule zu tun, wie ich sie mir vorstellte. Dennoch hab ich durchgehalten und wurde mit einem der schönsten Berufe belohnt: Lehrer. Seit ich 15 bin besuche ich Seminare, Weiterbildungen in Themen, die mir in der Schule keine beibrachte – vor allem Kommunikation und Lerntechniken. Das habe ich auch im Studium fortgeführt.

    Im Referendariat dann der wohlige Sprung in die Praxis und meine Abschlussarbeit über “Rhetorikseminare an Schulen”. Während dieser Arbeit habe ich meinen Geschäftspartner René Borbonus kennengelernt und bin Gesellschafter bei Communico geworden. Mit ihm zusammen bieten wir Seminare und Vorträge seit 2001 an. Mein Bereich ist die Ideenfindung. Das Thema hat mich gefunden und ich kann nicht mehr ohne leben. Hierzu (wie kommen ich auf Ideen und wie präsentiere ich sie?) gebe ich Führungskräften auf ihren Wegen Impulse.

    Aber Du bildest auch Lehrer aus?

    Nach 6 Jahren Schuldienst, der bis zur letzten Unterrichtsstunde wundervoll war, war es Zeit für etwas Neues. Anstatt aber komplett zu Communico zu wechseln, was mir damals mit einer gerade geborenen Tochter zu viel Risiko war, bin ich in die Schul- und Unterrichtsentwicklung gewechselt. Nun schule ich Lehrer in Schleswig-Holstein und habe gleichzeitig immer noch Freiräume für Kreativität: Vorträge, Seminare und Schreiben für meinen Blog & Bücher (wie dieses).

    Du argumentierst, dass wir alle eine Patchwork-Identität haben. Was bedeutet das für Dich genau und inwiefern trifft es auf Dich selbst zu?

    Ja, wir haben das in uns, der eine mehr, der andere weniger. Es gibt erfüllte Menschen, die in nur einem Aspekt voll aufgehen, deren Patchwork aus nur einem Flicken besteht. Potentiell ist das Leben allerdings bunter als nur eine Spur. In meiner Twitter-one-line-Bio steht: “7 Themen, 7 Leben, alles meins: Ideen finden, Ideen präsentieren, Bücher schreiben, Schulentwicklung, Bücher lesen, Familie, Handball”. Und in diesen Themen fühle ich mich zu Haus. Das ergibt dann eine fröhliche Terminkollision allerorten und mir ein gutes Gefühl derzeit genau das zu tun, was ich will.

    Bist Du Teil einer kleinen Avantgarde oder gilt dies für viele Menschen heute?

    So wie jeder Mensch möchte! Das Leben im Patchwork ist nicht immer einfach, denn mehrere Dinge müssen unter einen Hut gebracht werden. Gleichzeitig verstärkt das moderne Leben und die “neuen” Arbeitsformen diesen Trend. Während unsere Eltern es früher für erstrebenswert und normal hielten, an nur einem Arbeitsplatz 40 Jahre zu arbeiten, ist dies heute für viele undenkbar. Es ist meiner Großmutter unerklärlich, dass sogar ein Arbeitsplatz in einer Bank unsicher sein kann. Die Welt rückt dabei enger zusammen, wir können unglaublich einfach weltweit Kontakte knüpfen, Dinge oder Ideen kaufen oder verkaufen. Wir können, wenn wir wollen, in anderen Ländern leben und arbeiten oder zu Hause sitzen bleiben und dennoch weltweit agieren.

    Ein selbstbestimmteres Leben oder ein anstrengenderes?

    In diesem Strudel an Wandel kann jeder Einzelne für sich entscheiden, wie er diese Veränderungen leben will: aktiv oder passiv. Dass sie passiert, dass wir unseren Arbeitsplatz im Schnitt 5-8mal im Leben wechseln kann man erleiden, kann man als Geschubster, als Spielball erdulden. Aus meiner Sicht haben wir immer mehr Möglichkeiten, nicht das Schicksal bemühen zu müssen, wenn wir unser Leben erklären. Nicht mehr Eltern oder das Umfeld entscheiden fast schicksalhaft über den Sprößling, sondern die freie Entscheidung rückt immer weiter nach vorne. Wie will ich leben – das ist unsere Aufgabe. Sloterdijks neues Buch “Du mußt dein Leben ändern” zitiert übrigens diesen Aspekt, dass wir immer unfertig sind und uns in Dinge einüben, stetig trainieren und lernen.

    Welche Rolle spielt das Internet dabei?

    Das Internet ist die Chance, dieses Patchwork zu leben, auszufüllen. Aus meiner Sicht ist das ein Ausdruck von Freiheit des Menschen. Bleibe ich bei mir: Mit Internet potenziere ich meinen Wirkungskreis. Ich bin nicht sicher, ob ich vor 30 Jahren so leicht, “meine Nische” hätte bearbeiten können, so leicht eine riesige Menge an Artikeln zur Kreativität hätte finden können, ein Netzwerk von Gleichgesinnten aufbauen können. Was hätte ich tun können, wenn ich *alles* zur Ideenfindung lesen wollte: Bücher lesen? Wie hätte ich von Neuerscheinungen zum Spezialgebiet zeitnah erfahren? Gab es Zeitschriften? Hätte ich Briefe mit anderen Experten geschrieben? Und dann? Ein Buch schreiben? Einen Fachartikel lesen oder einen Fachkongress besuchen?

    Und heute?

    Heute ist alles schneller und ich liebe das: Ich schreibe selbst im Blog und dadurch erhalte ich Rückmeldungen, trete in ein Gespräch, präzisiere meine Sicht, schreibe wieder neu und Neues entsteht. Nur durch das Internet habe ich so leicht und schnell inspirierende Menschen mit ähnlichen Interessen finden können.

    Share this post:
    • Digg
    • del.icio.us
    • Facebook
    • Google Bookmarks
    • email
    • LinkedIn
    • Live
    • MisterWong
    • MySpace
    • StumbleUpon
    • Technorati
    • TwitThis
    • Yigg

    Einen Kommentar schreiben