“Wir brauchen ein Schulfach ‘Glück’”

Mein neues Buch wird Ende November erscheinen und es wird – soviel kann ich jetzt schon verraten – ein überraschendes Format haben. Als Countdown zum Veröffentlichungstermin geht es hier weiter mit ungekürzten Interviews, die ich während der Recherche geführt habe.
Heute ist Wolff Horbach (Bild) dran, deutscher Glücksexperte, Autor eines schönen Buchs zum Thema und Betreiber des Blogs Faktor-G, in dem er sich damit beschäftigt, wie die Erkenntnisse der Glücksforschung in Unternehmen umgesetzt werden können.
Herr Horbach, wenn uns selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Handeln besonders glücklich machen, was bedeutet das dann für unsere Arbeit – müssen wir alle Freiberufler werden? Oder alle paar Jahre, je nach Laune, den Job wechseln?
Menschen sind dann glücklich, wenn sie das tun, was sie besonders gut können. Da gibt es zunächst keinen Unterschied zwischen angestellter und freiberuflicher Tätigkeit. Leider versäumen es viele Unternehmen heute die Talente der Mitarbeiter zu ergründen.
Wie meinen Sie das?
Vielfach werden nur die Mitarbeiter mit einer Stellenbeschreibung gesucht. D.h. es wird nur die Erfüllung einer bestimmten Aufgabe gewünscht. Menschen haben aber vielfache Talente, die zum Nutzen des Mitarbeiters und des Unternehmens eingesetzt werden können. Ungenutzte Talente frustrieren die Menschen.
Die Unternehmen machen noch einen Fehler: Sie versuchen aus Gründen der Effizienz und der Qualitätssicherung Abläufe aufs Kleinste vorzugeben. Das widerspricht dem sehr wichtigen Bedürfnis des Menschen nach Autonomie und nach Ausprobieren von anderen Wegen. Kluge Unternehmen lassen Ihren Mitarbeitern viel Spielraum für eigene Ideen und Projekte. 3M und Google sind damit äußerst erfolgreich.
Nützt die moderne Patchwork-Biografie bei der Suche nach dem Glück?
Wer diese Freiheiten an seinem Arbeitsplatz nicht vorfindet, tut gut daran, sich ein anderes Umfeld zu suchen. Die Lebenszeit ist viel zu kostbar, als jahrein, jahraus mit freudloser Arbeit zu verbringen, die den eigenen Bedürfnissen nicht oder nur zum Teil entspricht.
Ist es in der digitalen Ökonomie einfacher, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen, sich selbst zu verwirklichen oder neu zu erfinden? Werden dadurch auch mehr Menschen glücklich?
Die digitale Ökonomie hat sowohl schlechte als auch gute Seiten. Die schlechten sind vor allem ein zunehmender Zeitdruck. Jeder erwartet heute, dass man E-Mails in Sekunden beantwortet und Tag und Nacht erreichbar ist. Das erhöht, wenn man nicht höllisch aufpasst, den persönlichen Stress enorm. Und Stress ist der Glückskiller #1.
Auf der anderen Seite eröffnet die digitale Ökonomie für kreative Menschen noch nie dagewesene Möglichkeiten: Uns allen stehen für kleines Geld äußerst leistungsfähige Computer zur Verfügung. Wir können damit Bücher schreiben, phantastische Musik komponieren, grafische Kunstwerke schaffen. Wir können mit Menschen rund um die Welt ganz einfach kommunizieren. Wir können unsere Werke global anbieten. Die digitale Ökonomie bietet also für denjenigen, der die Gefahren zu beherrschen weiß, das Potenzial zu einem reichen und erfüllten Leben.
Wenn Individualismus, Sinnsuche und ein eigener Lebensentwurf immer wichtiger werden – was ist a) wenn wir merken, dass uns die selbstgewählte Lebensweise auch nicht glücklich macht und b) mit jenen Menschen, die da nicht mithalten können?
Manchmal wird uns Glücksforschern vorgeworfen, wir vermittelten eine “Pflicht zum Glücklichsein”. Das ist natürlich Unsinn. Aber jeder hat die Wahl, ob er etwas aus seinem Leben macht. Wer vor hundert Jahren als ältester Sohn eines Landwirtes geboren wurde, hatte einen vorgezeichneten Lebensweg: Er würde einmal ein Hof übernehmen. Die gute Nachricht war: Wenn er nicht große Fehler machte, war für seinen Lebensunterhalt bis zum Ende seiner Tage gesorgt. Die schlechte Nachricht: Er würde dieses Kaff wahrscheinlich nie verlassen.
Heute ist es gerade umgekehrt: Nichts ist sicher, aber wir haben eine unglaubliche Fülle von Lebensgestaltungsmöglichkeiten. Leider bereiten unserer Schulen und Universitäten die Menschen nicht darauf vor. Viel zu viele verlassen sich auf alte Strukturen. Kaum ein Student möchte sich selbstständig machen, sondern versucht bei einem Global Player unterzuschlüpfen und dort Karriere zu machen. Wir haben nur eine sehr schwach ausgeprägte Kultur zur Selbstständigkeit.
Was folgt daraus?
Viele Menschen kommen mit Verantwortung für das eigene Leben nicht klar. Die stark ansteigende Anzahl von Depressiven spricht eine traurige Sprache. Unser Wohlstand scheint viele Menschen unbeweglich zu machen. Lieber verharren sie ein halbes Leben in unzufriedenen Umständen anstatt ein Leben zu gestalten, welches den eigenen Bedürfnissen besser entspricht. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit notwendig. Das “Schulfach Glück” wäre ein erster Anfang.
Interview: Wir brauchen ein Schulfach Glück - Faktor G
14. Oktober 2009 — 15:31[...] Markus Albers, der Autor von “Morgen komm ich später rein“, hat ein neues Buch geschrieben, welches im November 2009 erscheint. In dem Buch geht es auch darum, wie wir die Erkenntnisse der Glücksforschung im Arbeitsleben (besser) nutzen können. Dazu hat mich Markus Albers interviewt. Den ersten Teil des Interviews hat er bereits in seinem Blog veröffentlicht: Wir brauchen ein Schulfach Glück. [...]
Interview: Lebenslanges Lernen macht glücklich - Faktor G
19. Oktober 2009 — 14:41[...] Hier ist der erste Teil des Interviews: Wir brauchen ein Schulfach Glück. [...]