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von Markus Albers

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    “Schule bildet immer noch aus, als ob es mono-beruflich durchs Leben ginge”

    timo

    Dies ist Teil 2 meines Interviews mit dem Kommunikationsberater, Pädagogen-Trainer, Ex-Lehrer, Buchautor und Blogger Timo Off (Bild oben). Im ersten Teil ging es um die Patchwork-Identität des modernen Menschen und die Rolle des Internet dabei. Diesmal wollte ich wissen, was diese Art der permanenten Persönlichkeitsentwicklung für Schule und Bildung bedeutet.

    Timo, wie integriert der moderne Mensch die verschiedenen Aspekte seiner Patchwork-Identität? Oder sind wir alle schizophren?

    Das ist eine große Aufgabe und die Balance müssen wir Patchworker uns immer wieder auf allen Seiten erarbeiten oder zuweilen erstreiten. Denn als Patchworker sind wir immer nur zu einem Teil anwesend. Ein anderer Teil ist bald schon wieder an anderer Stelle. Hier gefällt mir Prechts Buchtitel “Wer bin ich – und wenn ja wie viele?“. Dieses Patchwork weben wir, indem wir uns und anderen unsere Lebensgeschichte erzählen. “So bin ich, das kann ich, diese Dinge tue ich gern und gut, mit diesen Gleichgesinnten umgebe ich mich.”

    Wenn sich dann im Erzählten zwischen Innen (so denke ich, dass ich bin, bzw. so will ich sein) und Außen (so werde ich wahrgenommen) eine gute Passung ergibt, fühlen wir uns kohärent, stimmig, authentisch. Ich glaube, bei Nietzsche habe ich den Gedanken gefunden, dass wir das sind, was wir von uns erzählen.

    Klingt unübersichtlich …

    Manche Spannung muss man dann auch aushalten (können). Vielleicht lässt sich nicht alles auflösen und vielleicht liegt darin auch eine Menge Energie und Reiz. Das bedarf eines gewissen “Urvertrauens” (Keupp) in das Leben, dass es immer weiter geht, auch in Zeiten größter Zerrissenheit zwischen den Teilen.

    Können wir uns heute alle ständig neu erfinden? Müssen wir?

    Nein, wir können uns nicht komplett neu erfinden. Wohin ich auch gehe, wohin ich mich auch verändere, ich nehme mich und einen Großteil meiner mich prägenden Eigenschaften mit. Vielleicht im Sinne eines Schauspiels kann ich mich vollständig neu erfinden. Nicht aber für ein authentisches Leben.

    Insofern nenne ich es nicht “neu erfinden”, sondern weitere Facetten hinzufügen, lernen und etwas anderes machen. Ich kann mir zwei “Zustände” vorstellen: Das eher statische Leben im Patchwork, wo der Teppich fertig gewebt ist und die Flicken kaum geändert werden. Und das Leben im Wandel, wo an dem Teppich immer wieder neue Stoffstücke angesetzt werden, vielleicht auch Teile verloren gehen. Der zweite Zustand tritt immer häufiger auf.

    Amerikaner sprechen von ‘Lifestyle Design’ oder ‘Life Hacking’ – Begriffe, mit denen Du etwas anfangen kannst?

    Nicht wirklich, die Patchwork-Metapher gefällt mir besser, weil sie ein schönes, sorgsames Handeln, das Weben, einschließt. Weben kann man nicht nebenbei oder schnell. Es ist eine langsame, bedächtige Tätigkeit mit Augenmaß. Die Konnotationen von “Lifestyle” oder “Hacking” gehen im Deutschen daneben und sind mir zu flach.

    Was bedeuten fragmentierte Identität und lebenslanges sich neu erfinden für die Bildung? Nutzen Schule, Uni, Ausbildung noch oder müssen wir das selbst in die Hand nehmen?

    Das Bild einer fragmentierten Identität ist an sich ja noch recht neu und als solches sicher noch nicht in der Bildung angenommen. Schule (und Uni) bildet immer noch aus, als ob es mono-beruflich durchs Leben ginge. Lernen als Grundhaltung – Schule oder Uni als Ort, an dem man als Schüler gerne ist, weil Lernen eine erfüllende, sinngebende Tätigkeit ist, ist noch zu selten. Die Haltung “ihr lernt das jetzt, weil es im Lehrplan oder (noch schlimmer) im Lehrbuch steht” gibt es leider immer noch.

    Schule wandelt sich, PISA&Co haben uns zum Glück wachgerüttelt. Da Bildungssysteme wie träge Tanker agieren, sollten wir mit den angesetzten Veränderungen weitermachen, das individuelle Fördern weiter in den Blick nehmen, uns immer wieder durch empirische Untersuchungen Rückmeldungen geben lassen, ob wir auf einem guten Weg sind und dann in 5 bis 10 Jahren weitersehen. Weiterhin wird es für die speziellen Interessen des Einzelnen nach Schule, neben Uni und Ausbildung einen anderen Markt geben. Denn Schule wird nicht alles anbieten können.

    Du arbeitest auch im Bereich der Schulentwicklung. Was müssen Politik und Bildungs-Institutionen jetzt tun? Was muss sich ändern?

    Als ehemaliger Philosophie-Lehrer rufe ich natürlich “Mehr Philosophieunterricht in der Schule!” Nein, ernsthaft: Seit der empirischen Wende in der Schul- und Unterrichtsentwicklung ist die Qualitätsdiskussion voll im Gange. Endlich unterhalten wir uns darüber, was wir von unseren Schülern erwarten, wenn sie nach 9 oder 10 Jahren einen Abschluss erhalten. Ja, das ist eine Frage von Standards.

    Aber es geht bei diesen Abschlüssen um Eintrittskarten in die Zukunft, die wir da vergeben. Auf allen Ebenen gibt es dann etwas zu verbessern: individuelleres Fordern der Schüler, bessere Differenzierung im Unterricht und noch mehr wirkliche Fragestellungen in der Schule. Damit meine ich: weniger Lehrbuch abarbeiten, und mehr echte Projekte aus dem Leben erarbeiten. Denn an diesen wirklichen Herausforderungen, die scheitern oder gelingen können, wachsen wir.

    Und die so genannten “neuen” Medien haben zwar bereits einige Jahrzehnte auf dem Buckel – allerdings kann man da in der Schule sicher immer noch zulegen, damit zuerst die Lehrer fit sind. Dass gerade viele junge Lehrer kompetent mit Tools aus dem Web 2.0 oder dem Computer allgemein umgehen, zeigt, dass sich hier einiges tut.

    Du bist auch Experte für Kreativität. Welche Auswirkungen hat das oben beschriebene auf diese? Können heute mehr Menschen kreativ sein? Sollen / wollen sie überhaupt?

    Menschen konnten und können immer kreativ sein, kreativ arbeiten. Das ist unverändert. Die spannende Frage bleibt, wer es wahrnimmt. Der spielerische Umgang mit offenen Fragen in Leben, Arbeit, Freizeit ist eine Grundhaltung oder besser: kann es sein. Mein Tipp ist hierfür Daniel Pinks Buch “Unsere kreative Zukunft”, in dem er die sechs „neue Sinne“ als bedeutsam für uns vorstellt: Design, Erzählkunst, Symphonie, Empathie, Spiel und Sinn (Bedeutung). Kreative Arbeit wird unser Vorsprung, unsere Rettung sein, wenn bestimmte Arbeiten, die weniger Kreativität erfordern, anderswo auf der Welt günstiger geleistet werden können. Deiner Frage nach dem Sollen oder Wollen müssen wir das “Müssen” hinzufügen.

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