Tim Leberecht: “Deutschland hat eine Ressource im Überfluss – Information”

Ende November erscheint mein neues Buch. Heute verrate ich schon mal den Titel: Es wird “Meconomy” heißen. Als Countdown und Vorgeschmack gibt es hier Interviews, die ich während der Recherche geführt habe, in ungekürzter Fassung.
Heute ist Tim Leberecht (Bild) dran, der enorm vielseitig gebildete Vice President of Marketing and Communications bei frog design in San Francisco, der neulich sogar als Mitglied eines Zukunfts-Beraterstabs im Kanzleramt Angela Merkel über neue Entwicklungen in Technologie und Gesellschaft informieren durfte. Tim hat auf meine Fragen mit einem klugen, zusammenhängenden Text geantwortet, den zu lesen sich sehr lohnt. Teil zwei seines Beitrages folgt in einigen Tagen.
“Der demographische Wandel in Deutschland ist ein einflussreicher Faktor für die Entwicklungstrends in den nächsten beiden Jahrzehnten, allerdings scheint mir es geboten, einen weiteren Faktor zu berücksichtigen, dessen Einfluss in meinen Augen ebenso wichtig ist: die Digitalisierung unserer Gesellschaft
Trotz der neuen Bescheidenheit, des neuen Haushaltens, und der neuen Sinnsuche in einer post-materialistischen Gesellschaft dürfen wir nicht vergessen, dass wir eine Ressource im Überfluss besitzen und auf Jahrzehnte besitzen werden: Information. Und Information heißt vor allem: Internet. Im Internet ist Information weitgehend unentgeltlich und konfrontiert mit einem Überangebot an Auswahl und einer Fragmentierung der Nachfrage.
Alle bisher gemachten Prognosen über den Einfluss des Internets haben sich als zu konservativ herausgestellt, und mit dem jüngsten Phänomen der sozialen Medien hat sich der Einfluss des WWW noch einmal verstärkt. Es gibt weltweit 120 Millionen Blogs und 9 Millionen User von Wikipedia. 13 000 Videos werden jede Minute auf YouTube hochgeladen. Ein social network wie Facebook hat weltweit 250 Millionen User, deren Sozialverhalten sich schrittweise verändert. Blogs und Micro-Blogging Services wie Twitter verwandeln die Kommunikationskultur, beschleunigen den Nachrichtenzyklus und untergraben die Autorität der traditionellen Medien und der herkömmlichen politischen Agenda-Setter.
Und dann ist noch noch das expandierende Mobile Web mit steigenden Penetrationsraten. Und GPS. Near-Field Communications. RFID. Und und und. Die Vision vom ubiquitären Datenzugang, vom Onlinesein, 24 Stunden am Tag, ist längst Realität geworden, und für viele Mitglieder der Generation X (33-44) und der Generation Y (17-32), die mit dem Internet aufgewachsen sind, bedeutet dies: Google ergo sum. Das Leben ist digital.
Wenn man dann noch bedenkt, dass beide Generationen zu den Entscheidern der nächsten beiden Jahrzehnte in Deutschland zählen werden und die “Mitte des Lebens” darstellen, dann kann man die Rolle des Internet bei der Diskussion über Lebensqualität gar nicht überschätzen. Lebensqualität bedeutet zunehmend eben auch Qualität des digitalen Lebens, und wird ganz sicher über das Internet verhandelt werden.
Denn das Internet wird soziale und politische Organisationprinzipien dramatisch verändern. Die Grenzen verschwinden zwischen Privat und Öffentlich, Konsument und Produzent, Amateur und Experte, Leben und Arbeit, und auch Bürger und Staat. Wir leben in einer neuen hybriden “Bindestrich”-Kultur, in der Bürger zur gleichen Zeit verschiedene Rollen und Identitäten annehmen können und zum Social-, zum Political-Entrepreneur werden. Kollaboration und Selbstorganisation, Mash-ups, Schnittstellen-Design, open sourcing und crowdsourcing und peer-to-peer sourcing ersetzen Koordination und Top-down Management sowie traditionelle institutionelle Vermittler von Sinn und Ordung.
Diese neuen Prinzipien sind auch die Triebkräfte des neuen Megamarktes Gesundheit: Viele der Innovationen in diesem Bereich werden web-basiert sein und durch das Web ermöglicht werden. Stichworte sind hier Konvergenz (von Industrien wie Pharma, Kosmetik, Wellness, Nahrungsmittel, Technologie, Versicherungen, Finanzwesen, und Medien), Datentransparenz, Selbstvorsorge.”
Soweit der erste Teil des Gastbeitrags von Tim Leberecht zur Meconomy. Teil zwei folgt in einigen Tagen.