Tim Leberecht: “Der Begriff des ‘Sozialen’ wird sich wandeln”

Hier nun Teil zwei des Gastbeitrages von Tim Leberecht, Marketing-Mastermind bei frog design, der auf meine Fragen rund um die “Meconomy” (so der Titel meines nächsten Buches, das Ende November erscheint) gleich mit einem zusammenhängenden Text geantwortet hat. Einem Manifest sozusagen.
Es ist ein sehr schöner Text geworden. Weil ich in sehr vielen Punkten seiner Meinung bin, wird Tim ausführlich im Buch zitiert. Wer den ganzen Beitrag lesen möchte, hat nun Gelegenheit dazu. Den vor einigen Tagen erschienenen ersten Teil gibt es hier.
“Der Begriff des ‘Sozialen’ wird sich wandeln. Social networks, peer-to-peer networks, Communities oder Tribes der Gleichgesinnten erweitern den Begriff der Familie. Die soziale Lebensqualität wird immer wichtiger, aber die Definition von ‘sozial’ muss um die Dimension des Social Web erweitert werden. Freunde sind – um den Titel eines Wim Wenders Films zu zitieren – “in weiter Ferne, so nah”. Das Konzept der Privatsphäre wird kontinuerlich abgelöst werden von radikaler öffentlicher Transparenz – für Individuen und Organisationen. “Offene Unternehmen” werden einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil verzeichnen, da sie besser aufgestellt sind für Wissensaustausch und Innovation. Innen- und Außenwelt werden kongruent, und Authentizität wird zum entscheidendem Kriterium für Kundenqualität (Organisationsebene) und Beziehungsfähigkeit (individuelle Ebene).
Ebenfalls mit den Mitteln des Social Web, wird “Cocooning” einem “Geben” – einer neuen Grosszügigkeit –weichen, einem neuen Bürgerengagement, das Sozialkapital schafft. Laut Engagementatlas 2009 der AMB Generali Gruppe, sind bundesweit 34% aller Personen über 16 Jahre bürgerschaftlich engagiert und dabei ist die Gruppe der 30 bis 55-Jährigen überdurchschnittlich vertreten. Im Zeitalter des Free Internet, in dem viele kommerzielle Transaktionen nicht mehr Geld als Währungsgrundlage haben, wird Kapital zunehmend identisch mit Sozialkapital, oder wie der amerikanische Wirtschaftsphilosoph Umair Haque so wunderbar schlicht formuliert: “Kapital entsteht, wenn mindstens zwei Menschen übereinstimmen, einer Sache Wert beizumessen.” Mehr zu geben als zu nehmen ist nicht nur rein moralisches Gebot, sondern wird zum lukrativen Business Model. Immer mehr geschieht dies über das Web.
In dieser Hinsicht, gehört die Zukunft einer doppelten Produktivität des Ökonomischen und Sozialen, einer sozialen Leistungsgesellschaft, einer Wir-Gesellschaft, einer Ökonomie des Unentgeltlichen. Sie gehört Werteschöpfungsketten anstelle von Wertschöpfungsketten, Lifeholder Value anstelle von Shareholder Value. Das klassische Modell des Habitats (Nahrung, Wasser, Schutz, reproduktive Ressourcen) muss um die Dimension der “Bedeutung” (sozial, ökologisch, kulturell) erweitert werden.
Leidenschaften können darin zum Lebensunterhalt werden. Standorte und formale Organisationen werden unwichtiger und werden durch selbst-organisierte Micro-preneurs abgelöst. Intrinsische ersetzt extrinische Motivation. Die Identifizierung mit dem Arbeitgeber lässt nach, nicht aber der Stellenwert der Arbeit. Wir sehen so etwas wie die Renaissance des Renaissance-Menschen. Es wird mehr unorthodoxe, nicht-lineare Lebensläufe geben, hybride Qualifikationen und Neu-Orientierungen im mittleren Lebensalter, sowie Telearbeiter und digitale Nomaden. Kreativität ersetzt Produktivität. Jeder ist seine eigene Marke, ein kollaborativer Designer, ein sozialer Unternehmer.
Dies bedeutet, dass Bildung zunehmend Kreativität lehren und fördern muss, Kollaboration, interdisziplinäre Schnittstellenkompetenz, “laterales Denken” und Eigeninitiative. Es bedeutet auch, dass es digitale Eliten geben wird und geben muss, die besondere Förderung verdienen. Gleichzeitig ist es Aufgabe des Staates und der Bildungsinstitutionen, den ‘digital divide’ zu minimieren, indem sie die digitale Sprechfähigkeit breiter Bevölkerungsschichten, inbesondere jener, die nicht mit dem Internet augewachsen sind, erhöhen. Denkbar sind hier Modelle wie inter-generationelle Online Networks oder Mentorenschaften.
Wie wir digitale Technologien, das Internet, und insbesondere das Social Web kreativ gestalten und nutzen werden, um diese offene, kreative, soziale Leistungsgesellschaft Realität werden zu lassen, halte ich für einen der Schlüsselfaktoren und die grösste Herausforderung für die Entwicklung von Lebensqualität in Deutschland in den nächsten beiden Jahrzehnten.
Um nicht nur in der digitalen Gesellschaft anzukommen, sondern sie auch mit zu prägen, müssen sich Politk und Bürger Deutschlands entscheidend verändern. Die von Newsweek jüngst festgestellte deutsche “Technophobie” muss einer technologie-freundlicheren Haltung weichen, die begreift, dass Deutschland schon längst ein Global Village ist. Für die Mehrheit der Generation Y sind geografische und nationale Grenzen obsolet, und Konzepte wie Privatsphäre lediglich ein Feature von Self-Branding und Reputationsmanagement.
Der Staat sollt sich als Impulsgeber sehen für bürgerliches Engagement, als Inkubator für Social und Political Entrepreneurship. Initiativen wie Obama’s Office for Social Innovation in den USA würden auch Deutschland gut zu Gesicht stehen, und die Nutzung von Sozial Media zur Bürgerbindung und Förderung von Sozialkapital betreibt ja sogar schon der Vatikan – nicht aber die deutsche Politik. Hier und in anderen Bereichen scheint mir die deutsche Gesellschaft weiter als die deutsche Politik, die deutlich aufholen muss.
Grundsätzlich mangelt es an Deutschland an Risikobereitschaft (nicht zufällig heist Venture Capital hier ja Risikokapital), Optimismus und Innovationstempo. Keinesfalls geht es darum, amerikanische Verhältnisse zu wollen, aber ein Schuss mehr Mut unter Wahrung des eigentümlichen deutschen Skeptizismus würde Wunder wirken.”
Soweit der Gastbeitrag von Tim Leberecht. Teil Eins gibt es hier.
Julian
4. November 2009 — 11:44Wir sind ja im Dialogweb. Deswegen würde ich gerne ein kleines Feedback geben: “Eine sehr interessante Auffassung. Vor allen das Wörtchen Lifeholder Value ist sehr prägent. So etwas sollte man weiter nach vorn tragen und nutzen diese Auffassung bekannter zu machen!”