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von Markus Albers

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    “Statt Abwrack- eine Aufbauprämie für jeden, der eine gute Idee hat”

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    Hier nun Teil zwei des Interviews mit Werner Eichhorst (Bild), Stellvertretender Direktor Arbeitsmarktpolitik am Bonner IZA. Teil eins gibt es hier. Eichhorst berät die Bundesregierung und wird oft zu Arbeitsfragen im Fernsehen interviewt. In diesem Teil des Gesprächs geht es um Bildung in einer sich immer schneller wandelnden Welt, um globale Mobilität und um einen Sozialstaat für die Generation Facebook.

    Man sagt, die in 10 Jahren wichtigsten Berufe gibt es heute noch gar nicht. Können Schulen und Universitäten aufhören auszubilden?
    Im Gegenteil, wir müssen mehr tun, allerdings vermehrt in der Breite. Wir müssen durch eine sehr solide, generalistische Ausbildung jeden befähigen, im Berufsleben erfolgreich Fuß zu fassen. Mathematik ist wichtig, auch Fremdsprachen … Zentral dabei: Bildung muss ganz generell verstanden werden. Spezialisierung verliert eher an Wert. Eine frühe Spezialisierung ist eher tragisch, wenn man – wie wir es heute sehen – von einem beschleunigten Strukturwandel ausgeht.

    Wir müssen uns also auf lebenslanges Lernen einstellen, uns ständig neu definieren?
    Ja. Das Problem des deutschen Ausbildungswesens ist aber, dass es eine sehr starke Festlegung auf bestimmte Berufe und Branchen erzeugt, die man später kaum noch korrigieren kann. Es muss künftig dahin gehen, dass wir in der Ausbildung eine generalistische Basis bilden und später – eben nicht nur in den Anfangsjahren – Fachwissen durch Learning on the Job ständig zu erneuern, um sich ausreichend auf dem Arbeitsmarkt behaupten zu können, sei es in der gleichen Firma, aber mit neuen Tätigkeiten und Technologien, sei es durch einen Wechsel von Arbeitgeber oder Wirtschaftszweig.

    Was kann der Staat tun, was der Einzelne?
    Man kann Zweifel daran haben, ob die Politik allein diese Anforderungen abdecken kann. Sie vernachlässigt das Thema strukturell und es ist auch von den Akteuren, die in dem Feld tätig sind, schwer zu steuern. Das bedeutet letztlich eine Aufforderung an den Einzelnen, sich zu behelfen und eigene Initiativen zu starten, anstatt auf den Staat, den Arbeitgeber oder die Sozialpartner zu warten. Es besteht natürlich die Gefahr, dass Menschen, die das nicht wollen oder können und sich der Problematik nicht bewusst sind, unter die Räder kommen. Die gesellschaftliche Spaltung wird damit verschärft.

    Brauchen wir mehr e-Learning, neue Schulfächer?
    Etwas mehr Wirtschaft, Umgang mit Medien und Internet, Wissensverarbeitung, auch ein besseres Verständis in die Grundzusammenhänge des Arbeitsmarktes – das könnte nicht schaden. Wenn man sich anschaut, welche Spezialisierung es teilweise in Fächern wie Biologie oder Chemie gibt …

    Lernen deutsche Schüler im internationalen Vergleich zu viel Goethe und zu wenig Rechnen?
    Die Deutschen kennen oft ja weder ihren Goethe noch sind sie wirklich in Mathe gut. Das ist aber weniger eine Frage von technischen Lösungen, sondern eher der pädagogischen Eignung von Lehrkräften. Es geht vor allem um eine verbesserte didaktische Vermittlung der Inhalte und ein Abspecken der superspezialisierten Dinge, vor allem in den Naturwissenschaften.

    Wie wichtig ist eine internationale Perspektive?
    Die jüngere Generation – zumindest ab Gymnasium aufwärts – kann Fremdsprachen, ist auch relativ aufgeschlossen gegenüber Auslandsaufenthalten und anderen Kulturen. Ein halbes Jahr Auslandsaustausch als institutionalisierte Regel fände ich aber gut – nicht wie heute als Luxus für bildungsbürgerliche Elternhäuser, die dafür viel Geld ausgeben können.

    Muss man die globale Mobilität vereinfachen? Brauchen wir ein Sozialversicherungssystem für die weltweit aktive Generation Facebook?
    Das wäre eine logische Ergänzung der Trends, über die wir gesprochen haben, ist aber ein großes Rad, wenn man das global regeln wollte – und nichts, was über Nacht kommt. Vor allem was den Ruhestand angeht, wird für mobile Menschen das private Vorsorgen oder die betriebliche Absicherung wichtiger, weil die über staatliche Systeme weniger erwarten können. Nur innerhalb Europas gibt es eine Zusammenrechung der Rentenzeiten.

    Drängen künftige Generationen raus aus den alten Sicherungssystemen?
    Wir sehen eine Delegitimation des Sozialstaates vor allem bei denen, die sich für stark genug halten, auf eigene Rechnung besser abzuschneiden. Die logische Konsequenz wäre, zumindest für global agierende Gutausgebildete, aus der Sozialversicherung heraus zu optieren und zu sagen: Wir versorgen uns selbst durch unsere Ersparnisse, die wir im Laufe eines Arbeitslebens mit mehreren Arbeitgebern in verschiedenen Ländern aufbauen. Das ist aber ein schlechtes Geschäft für die Sozialversicherung. Denn werden international mobile Menschen aus der Sozialversicherung verabschiedet und sorgen nicht genug selber vor, können sie immer noch nach Deutschland zurück und dort die Grundsicherung beantragen.

    Was sind die Folgen?

    Das wird wohl dazu führen, dass die Sozialversicherung weiter schrumpft und wir am Ende einen steuerfinanzierten Grundsicherungsstaat bekommen. Das ist das Maß an Solidarität, das man am Ende nachhaltig finanzieren kann und muss. Alles andere bleibt letztlich der betrieblichen und privaten Vorsorge überlassen. Klar ist aber auch, dass die Sozialversicherung in der aktuellen Krise sich als stabiler erwiesen hat als die kapitalgedeckte Vorsorge und vieles dafür spricht, diese auch für weltweit mobile Menschen attraktiv zu machen.

    Drei Dinge, die die Politik jetzt tun muss?
    Es muss Schluss sein mit rückwärts gewandten Förderungsmaßnahmen wie der Abwrackprämie, Geld für Opel und anderer Politik, die dem Strukturwandel hinterherläuft. Zweitens braucht es eine breit angelegte Grundqualifikation für jeden, der in den Arbeitsmarkt hineinkommt. Das muss mit entsprechendem finanziellem Aufwand auch für Migranten und Kinder aus schwierigen Elternhäusern durchgesetzt werden. Und drittens muss der Bereich Existenzgründung, also das Wachstum von Kleinunternehmen, begünstig werden. Das ist ein Bereich, mit dem wir neue Wirtschaftszweige eher erproben und austesten können, als mit Subventionen, die der Staat an einzelne Branchen gibt.

    Deutschland braucht eine Start-Up-Kultur?
    Ja. Vielleicht gehen 80 Prozent dieser Kleinunternehmen pleite, aber 20 Prozent sind dann doch lebensfähig.

    Konkret wie kann man das befördern?
    Man könnte sagen: Jeder, der eine gute Idee hat, bekommt keine Abwrack-, sondern eine Aufbauprämie. Mit der kann er zwei bis drei Jahre experimentieren. Vielleicht bekommt er noch einen erfahrenen Berater an die Seite gestellt. Und dann schaut man einfach mal, was da passiert.

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