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von Markus Albers

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“Sicherheiten gibt’s eh keine mehr – macht doch, wofür Euer Herz schlägt”

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In loser Reihenfolge interviewe ich hier Menschen, die ich persönlich und für die Recherche zu meinem neuen Buch interessant finde. Den Anfang hat Rolf Potts gemacht, der Erfinder des “Longterm Travelling” (hier Teil 1 und Teil 2 des Interviews). Jetzt geht es weiter mit Johannes Kleske, Social Media Experte und – kurz gesagt – eine echte Größe im Netz, weil er klug, freundlich, integer sowie irrsinnig belesen ist (und zwar Feedreader UND Bücher).

Auf Johannes wurde ich zum ersten Mal Mitte 2008 aufmerksam, als ich kurz vor der Veröffentlichung von “Morgen komm ich später rein” die erfolgreichsten und besten Blogs rund um Produktivität und neue Arbeitsformen recherchiert habe, weil ich diesen knapp zehn Experten das Buch vorweg zur Rezension schicken wollte. Johannes war mit seinem Blog Tautoko einer davon. Als er dann auch über das Buch twitterte, gingen die Besucherzahlen auf meiner Website dramatisch nach oben. Der Mann hat eindeutig Medienmacht.

Seit damals habe ich Johannes ein paar Mal wieder getroffen: Auf der Web 2.0 Expo in Berlin und kürzlich bei einem Panel auf der Cebit Webciety. Meine Fragen rund um moderne Nomaden und Selbstverwirklichung in der digitalen Ökonomie hat er nun per E-Mail beantwortet. In Teil 2 des Interviews, das in ein paar Tagen folgt, diskutieren wir unter anderem, wie man sich auf die Jobs der Zukunft vorbereitet, und was wir von der Arbeitsweise von Mönchen lernen können.

Johannes, Du arbeitest viel mobil, in der Bahn, dokumentierst das auch via Twitter. Ist das eine bessere Arbeitsweise als jeden Tag ins Büro zu gehen?

Mobil zu arbeiten ist für mich gegenüber der Büroarbeit keine Frage von besser und schlechter. Im Gegenteil, ich gehe gerne ins Büro. Ich freue mich, meine Kollegen zu sehen, Interessantes auszutauschen und an der Kaffeemaschine gemeinsam neue Ideen zu entwickeln. Das Büro ist für mich der richtige Ort für menschliche Interaktion, die für mich essentiell für meine Arbeit aber auch für mich als Mensch ist.

Allerdings ist das Büro ein schlechter Ort, um konzentriert arbeiten zu können. Ständige Unterbrechungen machen es praktisch unmöglich, den berühmten Flow-Zustand zu erreichen, in dem es einfach „flutscht“. Dazu kommt, dass ich täglich vier Stunden Pendelzeit habe, die mich fertig machen würden, könnte ich sie nicht sinnvoll nutzen.

Die ideale Arbeitsweise ist für mich also die Kombination aus gemeinschaftlicher Büroarbeit und konzentrierter Arbeit für mich allein. Je freier ich selbst Tag für Tag das Verhältnis der Kombination wählen kann, desto optimaler kann ich arbeiten.

Bist Du ein Digitaler Nomade? Ist der Begriff für Dich 2009 überhaupt noch aktuell?

Als Digitale Nomaden würde ich Leute definieren, die sich die Technik zu nutze machen, um sich bei ihrer Arbeit fast vollständig unabhängig von ihrem Aufenthaltsort zu machen. Das ermöglicht ihnen, ihren „Wohnort“ beliebig häufig zu wechseln und auf der ganzen Welt zu leben. Alles, was sie zum Arbeit brauchen, ist Strom und Internet. Kommunikation mit Kunden und Partnern läuft fast ausschließlich über digitale Tools wie VoIP, Online-Meeting-Räume, Instant Messenger und good ol‘ E-Mail.

Der große Vorteil des Digitaler-Nomade-Daseins ist offensichtlich. Ich muss nicht mehr auf die Rente warten, um Zeit für die Weltreise zu finden. Gleichzeitig kann es klare wirtschaftliche Vorteile haben, Arbeit vom Ort zu trennen. So kann ich meine Arbeit in reichere Länder verkaufen, während ich selbst in einem Land mit niedrigen Lebenskosten residiere. Und schon wird Globalisierung zu einem Vorteil, denn nicht mehr nur große Konzerne sondern auch Einzelpersonen nutzen können.

Wenn man sich ansieht, wie wenig Menschen derzeit diesen Lebensstil leben, stehen wir überhaupt erst am Beginn dieser Bewegung. Somit gewinnt der Begriff erst an Relevanz und damit Aktualität. Man darf nicht vergessen, hier geht es um ein recht grundsätzliches Umdenken, wie man Arbeit, Reisen und Leben sieht und angeht. Für solche Denkprozesse brauchen wir in der Regel deutlich länger, als wir glauben.

Der populäre Wein-Videoblogger Gary Vaynerchuk sagt: Wenn man heutzutage auch nur zu fünf Prozent mit dem unzufrieden ist, was man tut, soll man sofort damit aufhören und stattdessen etwas machen, woran das Herz hängt. Man werde das schon monetarisieren können, er selbst sei das beste Beispiel. Stimmst Du dem zu?

Grundsätzlich finde ich es immer schwierig, wenn jemand wie Gary sich selbst als Beweis anführt, dass es für jeden funktionieren wird. Denn neben seiner Kernarbeit als Weinladenbetreiber und Videopodcaster ist vor allem seine ständige Metakommunikation zu diesen Themen für seinen Erfolg zuständig. Ähnliches gilt für Leute wie Sascha Lobo und die Digitale Bohème oder Tim Ferriss und die 4-Hour-Work-Week. Sie bekommen einen Großteil der Aufmerksamkeit für das Propagieren ihres Lebensstils. Wer ihnen dann nacheifert, stellt schnell fest, dass die eigene „Marke“ deutlich schwieriger an Bekanntheit zunimmt, wenn man kein Buch über sie geschrieben hat.

Nichtsdestotrotz sehe ich es ähnlich wie Gary. Für mich ist essentiell, Dinge zu tun, an denen mein Herz hängt. Nur so funktioniere ich. Deswegen versuche ich meine Arbeit ständig weiter zu entwickeln und näher an das heran zu bringen, was mir „Erfüllung“ gibt.

Bei dieser Herangehensweise ist aber das Festhängen in einem unbefriedigenden Job nur ein Teilproblem. Meine Beobachtung ist, dass viele ihren aktuellen Job nicht kündigen, weil sie gar nicht wissen, was sie lieber machen würden. Die Frage nach dem, woran das Herz hängt, lässt sich nämlich in der Regel alles andere als leicht beantworten. Dazu braucht es Erfahrung und Selbstreflektion.

Für mich ist die Suche nach Arbeit, an der mein Herz hängt, eine lebenslange Reise. Jede neue Erfahrung hilft mir dabei, meine eigenen Interessen, Talente und Bedürfnisse besser kennen zu lernen. Jeder neue Job ist dabei für mich der nächste Schritt in Richtung Ideal, ohne dass ich dieses jemals erreichen werde, da es sich jedes mal ein Stückweit mit verändert.
Wer dabei irgendwann glaubt, seinen Traumjob gefunden zu haben, steht allerdings in der Gefahr, stehen zu bleiben. Und stehen bleiben ist schlicht langweilig ;-)

Der Marketing-Experte und Buchautor Seth Godin behauptet: Es gibt da draussen unendlich viele “Stämme”, die darauf warten, dass man ihr Anführer wird. Im Grunde dasselbe Argument wie bei Vanyerchuk: Tu, was Du liebst, dann wird dich die weltweite Plattform von Web 2.0, mobile, etc. mit Gefolgschaft, Kunden, Geschäft belohnen. Was hältst Du von Godins Argument?

Mir gefällt Godins Definition von Leadership, nicht über Macht und Management sondern über Leidenschaft außerordentlich gut. Und ich glaube, dass in der aktuellen Weltwirtschaftslage Leidenschaft wieder eine viel größere Rolle spielen wird. Seit Ewigkeiten sind wir in unserer Jobwahl Kompromisse zu Gunsten der Absicherung eingegangen. Nun stellen wir entgeistert fest, dass uns kein Job der Welt die Sicherheit bieten kann, die wir uns wünschen. Ich hoffe und glaube, dass für viele diese Feststellung dazu führen wird, dass sie sich sagen „Sicherheiten gibt es eh keine mehr, dann kann ich ja auch gleich das tun, wofür mein Herz schlägt.“

Ich glaube, dass wir in den nächsten Monaten und Jahren einen neuen Boom von Handwerk, kleinen Läden und allgemein viel mehr Selbstständigkeit sehen werden. Und meine These ist, dass das uns letztendlich aus der Krise führen wird und dabei viel nachhaltiger in seiner Beständigkeit als vor der Krise. Slogans wie „Grow slow, grow strong“ treten in den Vordergrund, schnelles Geld-verdienen in den Hintergrund.

Unternehmen wie Zappos machen vor, wie man sich mit leidenschaftlichen Service gegen den Trend entwickelt.

Grundsätzlicher: Ist es in der digitalen Ökonomie einfacher, sich selbst zu verwirklichen? Kann man sein Leben “hacken” und dadurch optimieren?

Für Ideen, die sich in der „digitalen Ökonomie“ umsetzen lassen stimmt das absolut. Wer heute z.B. eine Idee für eine Web-Applikation hat, hat praktisch keine Kosten mehr außer der Zeit, die er investiert. Die Entwickler-Programme von Google, Microsoft und Amazon, die Entwicklungsumgebung und Serversysteme zur Verfügung stellen, haben den Startaufwand noch einmal enorm reduziert. Der Vorteil der Kostenreduzierung ist auch, dass man viel mehr Ideen als früher austesten kann, um dann zu schauen, was davon funktioniert.

Die Flexibilität des Systems sorgt dafür, dass ich nicht erst meinen alten Job aufgeben muss, bevor ich mir nicht sicher bin, dass meine Ideen ankommen. Ich kann sie zunächst in meiner Freizeit entwickeln. Erst wenn sie so erfolgreich sind, dass sie meine ganze Aufmerksamkeit benötigen, kündige ich.

Auch in allen anderen Bereichen der digitalen Ökonomie gehen die Einstiegskosten gegen null. Heute reichen eine halbe Stunde Zeit und ein paar Euros für Domain und Hosting, um ein neues Blog zu starten. Schon kann ich publizieren. Das führt über kurz oder lang (hoffentlich) dazu, dass man sich wieder mehr auf die Qualität der Inhalte konzentriert.

Sind diese Überlegungen in der aktuellen Wirtschaftskrise frivole Luxusprobleme?

Im Gegenteil, wie schon beschrieben, sehe ich hier enorme Chancen. Gerade was das Gründen bzw. Starten von Unternehmungen angeht sehe ich sogar einen Vorteil. Es ist massiv schwerer geworden, Geld für halbgare Ideen zu bekommen. Gleichzeitig ist es, wie gerade gesagt, deutlich günstiger geworden, Ideen erstmal auszuprobieren. Ich hoffe, dass Unternehmer in den nächsten Monaten und Jahren wesentlich häufiger klein beginnen und langsamer wachsen werden, dafür aber den Fokus auf Qualität und Service legen. Das beste, was die Krise für uns tun konnte, ist, uns von unserer Gier nach schnellem Wachstum zu heilen.

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