“Mobil, flexibel, immer erreichbar – wenn Freiheit zum Albtraum wird”
In meiner kleinen Reihe von Auszügen aus neuen Büchern, die ich mag, weil sie auf charmante und kluge Art so ziemlich das genaue Gegenteil von dem behaupten, was ich in meinen Büchern sagen, möchte ich heute auf das aktuelle Werk von Claas Triebel hinweisen. Es heisst “Mobil, flexibel, immer erreichbar – Wenn Freiheit zum Albtraum wird” und erklärt eloquent, warum die neue Arbeitswelt uns unglücklich macht.
Ich bin natürlich dezidiert anderer Meinung, freue mich aber schon darauf, mit dem Autor – den ich mag – bei der einen oder anderen Veranstaltung ein Streitgespräch zu führen und möchte bis dahin die Lektüre des nun folgenden Auszugs aus seinem Buch empfehlen. Claas hat ihn mir freundlicherweise als Gastbeitrag zur Verfügung gestellt. Es ist der erste Teil der Leseprobe, in einigen Tagen folgt der zweite. Möge die Debatte beginnen.
“Sie studieren einige Semester im Ausland, um ihren Lebenslauf zu frisieren. Sie lernen Sprachen, um sich für den Arbeitseinsatz zu rüsten. Sie sind mobil und flexibel, um für den globalen Markt attraktiv zu sein.
Sie sind zwischen 25 und 45 Jahre alt und folgen der Arbeitnach Hamburg, nach Wolfsburg, ins Ruhrgebiet, nach Frankfurt, nach Stuttgart, nach München. Oder ins europäische Ausland. Oder nach Nordamerika. Oder nach China. Sie verbringen zwei Jahre in Russland, um im Anschluss einen besseren Posten in Skandinavien zu bekommen. Von dort geht es weiter nach Südamerika – die Karriereleiter hoch. Oder wenn es schon nicht nach oben geht, dann wenigstens nicht hinunter. Zumindest ermöglicht ihnen der Umzug überhaupt weiter arbeiten zu dürfen. Vielleicht kommen sie so auch ihrem eigentlichen Ziel näher, denken sie. Denn insgeheim träumen die meisten von ihnen von einen Ort, den es nur noch in ihrer Vorstellung gibt: eine Heimat. Sie träumen davon, an diesem Ort den Lohn für ihre Jahre auf Wanderschaft zwischen Ländern und Kontinenten einzufahren, von ihrem Weg in die materielle Unabhängigkeit, in die Sesshaftigkeit, in die Selbstbestimmtheit, in die Freiheit.
Denn an irgendeinem Tag, in einem Transitbereich eines Flughafens, auf dem nächtlichen Bahnsteig in Fulda, im Taxi in Wuppertal, in der San Francisco Coffee Company in Barcelona oder wo auch immer haben sie gemerkt, dass sie sich ihre Freiheit einmal ganz anders vorgestellt hatten. Dass ihr mobiles Leben zwar ähnlich aussieht wie die frühere Freiheit, sich aber grundlegend davon unterscheidet. Dass sie einmal Ferien hatten, in denen das Wort »Reisen« noch nicht mit der Vokabel »Geschäft« verknüpft war. In denen sie mit dem Rucksack nach Thailand flogen oder mit der Fähre von einer griechischen Insel zur anderen schipperten. Als sie noch in einer Wohngemeinschaft lebten und die Freiheit nach Döner schmeckte, nach Kohleheizung roch und nach Techno, Brit-Pop und Nick Cave klang. Damals als ihre nostalgischen Klischees erfüllt waren; fühlten sie sich frei. Zumindest in den Ferien, die nicht für ein Praktikum im In- oder Ausland reserviert waren, als sie umsonst gearbeitet hatten und sich mit dem Gefühl trösteten, etwas wirklich Nützliches für sich selbst zu tun.
Dieses Gefühl von Freiheit wollten sie über das Studiums- oder Ausbildungsende hinweg verlängern, wollten es mitnehmen in die nächsten Jahre ihres Lebens. Oder vielleicht für immer. Und weil es gerade nicht besonders viele Stellen gab, haben sie sich bereitwillig in die Arme des Erstbesten begeben, der ihnen überhaupt erlaubte zu arbeiten. Vielleicht in einem ganz anderen Bereich, als sie sich vorgestellt hatten. Aber so konnten sie ja wieder etwas Neues lernen. Und nebenbei die Welt erkunden oder zumindest die Provinz. Und so gingen sie einige Kompromisse ein. Ein Umweg entpuppt sich schließlich nicht selten als der direkte Weg zum Glück. Und die Heimat läuft sowieso nicht weg. Und nette Menschen gibt es überall. Freunde hat man fürs Leben und nicht nur für die Schul- und Ausbildungszeit. Ssie können einen ja auch in anderen Städten besuchen – zumindest, solange sie noch keine Kinder haben. Und solange man nicht in Wolfsburg bei VW oder in Halle an der Saale an der Uni arbeitet. Außerdem gibt es ja das Internet. Da kann man täglich vielen seiner Freunde begegnen. Man kann sehen, was sie gerade machen und ins Profil der Seite irgendeiner sozialen Community schreiben, ob man gerade in Rom, Cincinnati, Stockholm oder Hongkong ist, ob es einem gut geht, welches Video man sich im Internet angesehen hat oder was man gerade isst.
»Die Ferne ist immer da, wo man gerade nicht ist«, sagt der Reiseesel Mallorca in einem von Janoschs weisen Kinderbüchern um den kleinen Tiger und den kleinen Bären. Die Ferne ist nicht leicht zu finden in all den Bahnhöfen, Hotels und Flughäfen, die sich rund um die Welt einander angeglichen haben. Ferne und Freiheit fühlen sich anders an, als um halb sieben Uhr morgens im Zug oder in der Wartehalle irgendeines Flughafens vor dem Laptop zu kauern, Tabellen und Präsentationen zu bearbeiten und die ersten Mails zu schreiben – schnell, bevor das Telefon zum ersten Mal klingelt und den letzten Rest Ruhe aus dem anbrechenden Tag verscheucht. Und so telefonieren sie im Zug, im Taxi, im Flughafenbus, in der San Francisco Coffee Company, auf dem Weg zu einem Meeting, während der Pause und im Anschluss daran. Rufen Mails ab und beantworten sie im Minutentakt und bekommen einen Schweißausbruch, wenn unterwegs der Akku des Handys leer und keine Steckdose in Reichweite ist. Sie sind immer erreichbar – Tag und Nacht. Die Arbeit ist nicht nur räumlich sondern auch zeitlich entgrenzt. Das sogenannte Privatleben findet über eben jene Kanäle statt, durch die auch die geschäftlichen Kontakte gepflegt werden: über das Mobiltelefon, das längst zur Schaltzentrale für die Organisation des gesamten Lebens geworden ist.”
Soweit der erste Teil des Auszugs aus Claas Triebels aktuellem Buch. Teil zwei folgt in wenigen Tagen.

Michael
27. Mai 2010 — 17:39Hallo Markus,
ich lese gerade Dein neues Buch und finde, dass die Thesen von Claas Triebel sich gar nicht unbedingt Deinen widersprechen müssen.
Es ist wie mit allen Dingen im Leben: Es kommt darauf an, was man daraus macht. Man kann die neuen Technologie nutzen, um sich aus räumlichen Zwängen zu befreien, so wie Du es beschreibst, oder aber sich von Mobiltelefonen und permanenter Erreichbarkeit dazu verführen lassen, sich für einen Arbeitgeber unverzichbar machen zu wollen. Die Entscheidung liegt bei jedem einzelnen.
Gruß Michael
Ulrike Bergmann
28. Mai 2010 — 19:31Hallo Markus,
der entscheidende Unterschied zwischen Euren beiden Ansätzen ist wohl, dass Claas Triebel von der “Angestellten-Klasse” spricht, während Du die Freiheiten (und auch den Preis – ich will es nicht verhehlen) der Selbständigkeit beschreibst. Das sind wahrlich zwei Welten, auch wenn die eine von der anderen lernen kann.
Wobei ich in beiden Bereichen Menschen kenne, die sich von den “Gegebenheiten” gelöst haben und ihren eigenen Weg bechreiten.
Gruß, Ulrike