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von Markus Albers

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    Chris Anderson: “Mit einem besseren E-Reader wäre ein Abomodell für Zeitschriften denkbar”

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    Hier nun Teil zwei der langen Version eines Interviews mit Chris Anderson, das ich zusammen mit Götz Hamann für die letzte Ausgabe der ZEIT geführt habe. Anderson, Chefredakteur der Zeitschrift Wired und Autor des Buches “Free“, das in Deutschland unter dem Titel “Kostenlos” erscheint (Cover oben), hat im ersten Teil gegen den Versuch argumentiert, unterschiedlos alle Inhalte von Medienprodukten online kostenpflichtig zu machen.

    Er plädiert stattdessen für ein “Freemium”-Modell, bei dem bis zu 90 Prozent eines Produktes oder einer Dienstleistung verschenkt werden, um so möglichst viele Kunden anzulocken und Marketing für die 10 Prozent Bezahlinhalte zu machen.

    Herr Anderson, wenn Sie Zeitungsverleger wären…

    … würde ich versuchen, mehr Premium-Produkte zu entwickeln, für die ich online Geld verlangen kann. Werbefinanzierung kann in Zukunft nicht mehr das einzige Modell sein.

    Woran denken Sie bei diesen Premium-Produkten?

    Für Murdoch werden das wahrscheinlich spezielle Nischenangebote auf der Website sein. Für uns bei Wired ist das wohl nicht die Lösung. Uns ist es wichtig, die gesamten Magazininhalte online umsonst anzubieten – wir sind ein Technologiemagazin, darum wird das von uns vermutlich erwartet.

    Sie als Chefredakteur einer Zeitschrift suchen also nicht nach weiteren digitalen Erlösquellen?

    Doch. Man könnte sich zum Beispiel eine Art von Gerät vorstellen wie den eBook-Reader Kindle von Amazon – nur besser. Dafür wäre sogar ein Abomodell denkbar, denn das würde in Tat direkt mit der Leseerfahrung eines Print-Magazins konkurrieren.

    Was sagen Sie Verlegern, die Sie treffen?

    Nicht jammern. Wir müssen wie Gründer denken. Das wird nicht gehen, indem wir uns über das Internet beschweren oder um staatliche Subventionen bitten.

    Sondern?

    Wir müssen smarte Geschäftsmodelle entwickeln, damit die Menschen weiter für unsere Arbeit bezahlen. Wenn wir das hinbekommen, bin ich sicher, dass jene Werte, die uns wichtig sind, überleben werden.

    Aber in der Wirtschaftskrise ist es auch für Internet-Unternehmen zunehmend schwierig, ihr Produkt oder ihren Service aus Marketinggründen umsonst wegzugeben und à la Facebook oder Twitter darauf zu hoffen, später – wenn sie erst einmal viele Nutzer haben – schon irgendein Geschäftsmodell zu finden. Investoren fragen jetzt von Anfang an, womit Geld verdient wird. Kommt Ihr Buch zu spät?

    Nein. Die Krise bewegt den Markt vom werbefinanzierten „Free“ hin zu „Freemium“. Werbung funktioniert nur für die größten Anbieter mit den meisten Nutzern. Aber in Wahrheit ist gerade eine großartige Zeit für Start-Ups. Es gibt kostenlose Open-Source-Software. Man kann Serverkapazitäten nach Bedarf mieten, statt – wie früher – teure Hardware kaufen zu müssen. User Generated Content sorgt für kostenlose Inhalte. Sprich: Die Werkzeuge des Unternehmertums sind zunehmend umsonst.

    Ein aktuelles Beispiel?

    Microsoft verschenkt seine gesamte Unternehmens-Software an Start-Ups, vorausgesetzt, sie sind jünger als drei Jahre und haben weniger als eine Millionen Dollar Umsatz. Es war nie günstiger, ein Unternehmen zu gründen. Ich selbst habe das zweimal getan.

    Was für Unternehmen sind das?

    Eine Firma für Roboter und eine namens Booktour.com, bei der man sich zentral über Lesungen von Buchautoren informieren kann. Beide Unternehmen arbeiten nach dem Freemium-Modell – Werbung funktioniert nicht, wenn Sie ein kleiner Anbieter sind. Die Frage ist also nicht, ob es das Phänomen „Free“ gibt – das ist unbestreitbar seit zwei Jahrzehnten so, denn es basiert auf den grundlegenden wirtschaftlichen Voraussetzungen des Internet …

    … sprich: Hardware wird immer günstiger und Software lässt sich kostenlos vervielfältigen …

    … die Frage ist vielmehr: Welche Geschäftsmodelle lassen sich rund um „Free“ finden?

    Ein Geschäftsmodell ist, dass wir für scheinbar kostenlose Dienste oder Produkte doch bezahlen: Nämlich mit unseren Daten. Woher wollen Sie wissen, dass Google oder Facebook in Zukunft verantwortungsvoll mit diesen umgehen werden?

    Sie haben recht, in der Tat zahlen wir für Free oft auf nichtmonetäre Art: Mit Zeit, Aufmerksamkeit, Reputation, Daten. Die Frage der informationellen Selbstbestimmung und ob wir immer wissen, was wir tun, wenn wir unsere Daten weggeben, können wir heute noch nicht sehr gut beantworten. Es gibt natürlich Datenschutzbestimmung, Vertragsbedingungen. Die meisten Unternehmen sind heute sehr gut darin, ihre Nutzer vor dem veröffentlichen persönlicher Daten zu warnen. Aber es gibt auch die anonymisierten Daten über menschliches Verhalten.

    Was meinen Sie damit?

    Wer eine Google-Suche durchführt, bringt Google etwas über menschliches Verhalten bei. Wer bei Amazon einkauft, lehrt Amazon, was Käufer mögen. Diese Informationen erlauben Unternehmen, mehr Geld zu verdienen. Die Nutzer geben diese Daten freiwillig her, denn sie bekommen dafür einen Gegenwert.

    Der Service wird besser, die Suche genauer, die Buchempfehlung passender.

    Genau. Man fühlt sich nicht übervorteilt. Man vertraut dem Unternehmen, dass diese Informationen anonym bleiben. Aber wie viele Menschen denken wirklich über solche informationellen Konsequenzen ihrer Handlungen nach? Die meisten wahrscheinlich nicht genug.

    Wie ist es bei Ihnen persönlich?

    Meine Kinder sind auf Facebook. Wenn man nur mal an die möglichen persönlichen Konsequenzen der Informationsspuren denkt, die sie dort hinterlassen …

    Macht Ihnen das Angst?

    Wir stehen da am Anfang einer Entwicklung. Verschiedenen Generationen ist ihre Privatsphäre unterschiedlich wichtig. Es gibt technische Unterschiede, auch rechtliche in verschiedenen Ländern. Ich denke, wir werden mit der Zeit Antworten auf diese Fragen finden, aber eindeutig verändern sich unsere Erwartungen an Privatsphäre und Datenschutz. Mir persönlich macht das nicht so viel aus. Ich lebe ein öffentliches Leben. Meine Frau hingegen will ihre Privatsphäre zu 100 Prozent wahren – sie möchte überhaupt keine Informationen nach außen geben.

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