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von Markus Albers

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StyleSpion: “Man ist dann am besten, wenn man sich am wenigsten verstellt”

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„Es ist nun ziemlich genau 5 Monate her, dass ich meinen letzten Tag in Festanstellung gearbeitet habe. Rückblickend hat mir dieser Schritt sehr gut getan. Und um die so oft per Mail gestellte Frage danach, wie es denn so läuft, zu beantworten: Danke, prächtig.“

Diese Zeilen schreibt der Kölner Kai Müller (Foto) im Juni in seinem Blog StyleSpion, in dem es um Inneneinrichtung, Fotografie, Design und Musik geht – zunächst war das ein Hobby, das er neben seinem Job in einer Agentur betrieb. Der heute 31jährige arbeitet seit zehn Jahren im und für das Internet. Als Jugendlicher hatte er eine Ausbildung zum Speditionskaufmann gemacht, danach wurde er, was er heute ist: Webdesigner, Suchmaschinenoptimierer und – wie er sagt – „Usability-Fanatiker“.

Anfang des Jahres kündigte Müller, machte sich selbständig und betreibt StyleSpion seitdem hauptberuflich. Die Werbekunden lieben ihn dafür, dass er gern Produkte vorstellt. Die Leser vertrauen ihm, weil er sich – nach bestem journalistischem Ethos – nicht bestechen lässt und wirklich nur Dinge vorstellt, die ihm persönlich gefallen und am Herzen liegen.

Kai hat, so scheint es, die ideale Verbindung aus Leidenschaft und Kommerz gefunden. Er hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht, sein Privatinteresse zum Businessmodell – und das mitten in der Finanzkrise. Über all das wollte ich, mal wieder als Recherche fürs nächste Buch, gern mehr wissen.

Kai, Du hast Anfang des Jahres Deine Festanstellung gekündigt, um Dich selbständig zu machen. War das schon lange Dein Wunsch oder wie kam es konkret dazu?

Ich bin nicht zum ersten Mal selbständig. Um genau zu sein, ist es bereits das dritte Mal. Mich aus meiner Festanstellung zu lösen, um 100% Energie in eigene Projekte stecken zu können, war eine Notwendigkeit. Das Blog und der damit einhergehende Aufwand bestimmte die Hälfte meines Tages, die andere Hälfte mein Job in der Agentur. Das konnte auf Dauer nicht funktionieren und ich habe die Chance genutzt. Bedenken bezüglich des Einkommens hatte ich eher weniger, aber ich musste mich im Kopf von der vermeintlichen Sicherheit einer Festanstellung frei machen. Dennoch war die Entscheidung kein Sprung ins kalte Wasser, da ich StyleSpion.de zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahre lang aufgebaut hatte. Glücklicherweise habe ich diesen Schritt bisher in keiner Sekunde bereut.

Vermutlich eher zufällig fiel der Start Deines eigenen Business mitten in die Wirtschaftskrise. Wie hast Du das erlebt?

Ich kann nicht behaupten, die Wirtschaftskrise eingeplant zu haben, aber für mich war und ist das auch kein Thema. Ich bin der Meinung, dass Krisen vor allem eines bieten: Chancen. Das konnte man Anfang des Jahrtausends gut beobachten, als die DotCom-Blase platzte. Nachdem der erste Schock verdaut war, fand ein Umdenken statt. Für das Internet bedeutete das konkret, dass man damit begann, die Dinge stärker zu hinterfragen, mehr Werte zu schaffen, Bedürfnisse befriedigen, den Nutzer in den Mittelpunkt stellen. Erst dadurch konnte das Internet zu dem Medium werden, das wir heute kennen. Wer weiß, wäre die Blase nicht geplatzt, müssten wir vielleicht noch heute bei jeder zweiten Website den “Skip Intro” Button suchen. Finanziell gesehen kann ich keinen starken Rückgang bei z.B. Werbebuchungen sehen, ich bin sogar in der glücklichen Lage, keine Akquise machen zu müssen. Die Anfragen kommen von alleine, ich muss lediglich ausfiltern.

Sind Krisen vielleicht auch gute Zeiten, etwas Neues anzufangen?

Definitiv. Es gibt sicher auch schlaue Studien, die das belegen. Eine gute Idee wird immer gehört – auch die Wirtschaftskrise wird niemandem die Ohren verschließen.

Ist es in der digitalen Ökonomie einfacher, sich selbst zu verwirklichen? Kann man sein Leben heute “hacken” und dadurch optimieren?

Es ist wohl kostengünstiger als je zuvor. Inzwischen klingt das vielleicht abgedroschen, aber es ist einfach Wahnsinn, dass ich heute innerhalb weniger Sekunden über die ganze Welt Inhalte verbreiten kann. Ein ebenfalls enorm wichtiger Faktor ist die Vernetzung, und überhaupt die Möglichkeit, innerhalb kürzester Zeit Ansprechpartner für alle Belange zu finden. Das spart eine Menge Zeit, die – und das muss man fairerweise auch erwähnen – an anderen Stellen wieder aufgebraucht wird. Wer wie ich so transparent im Netz unterwegs ist, bekommt eine Menge Feedback auf unzähligen Kanälen, das ist grandios, kostet aber eine Menge Zeit. Im Grunde kommuniziere ich heute beinahe ausschließlich mit Menschen, die ich noch nie getroffen habe. Ich schätze, das ist ein gesellschaftlicher Wandel.

Gary Vaynerchuk sagt: Wenn man heutzutage auch nur zu fünf Prozent mit dem unzufrieden ist, was man tut, soll man sofort damit aufhören und stattdessen etwas machen, woran das Herz hängt. Man werde das schon monetarisieren können, er selbst sei das beste Beispiel. Auf Dich trifft das auch zu, oder? Kannst Du diesen Weg anderen empfehlen?

Dem würde ich bedingt zustimmen. In meinem Leben ist die Unzufriedenheit ein starker Motor. Unzufriedenheit fördert die Weiterentwicklung, und das Hinterfragen von Gewohnheiten. Wäre ich mit allem immer und ständig zufrieden, würde ich stehen bleiben. In der digitalen Welt bedeutet das aber den sicheren Tod, da die Zeit rast. Gary hat selbstverständlich recht, wenn er sagt, dass man immer grundsätzlich dann am besten ist, wenn man sich voll einbringen kann, sich am wenigsten verstellen muss und selbst bestimmen kann, worauf man seine Energie verwendet.

Soweit Teil eins des Interviews mit Kai Müller. Teil zwei folgt in ein paar Tagen.

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