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von Markus Albers

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    Klaus Werle: “Schwächen sind unwichtig, Stärken muss man stärken”

    Hier nun der zweite Auszug aus Klaus Werles Buch Die Perfektionierer, einer Streitschrift gegen den Optimierungswahn, die überraschenderweise viel mehr Parallelen zu meiner Meconomy aufweist, als ich gedacht hätte. Für mich ein kluges und wichtiges Buch, das man lesen sollte. Hier geht’s los mit der Leseprobe:

    “Es gibt, Sie ahnen es bereits, eine klitzekleine Schwierigkeit. Der Satisficer, so wie er in der Forschung beschrieben wird, hat eine klare Vorstellung davon, welche Option ihn zufrieden stellt. Egal, ob neue Schuhe, ein eigenes Haus, ein Job: Er weiß, was er will. Viele, vielleicht die meisten Menschen wissen das nicht, oder haben nur eine vage Vorstellung. Sie orientieren sich an ihrer Ausbildung oder an der Anerkennung anderer. Was sie dagegen im Überfluss haben, ist Angst vor falschen Entscheidungen. Oder präziser formuliert: Angst davor, nicht das Optimale herauszuholen. Die Optimierungsstrategie bietet da scheinbar Hilfe, denn wie wir gesehen haben, ist sie in erster Linie eine Fehlervermeidungsstrategie. Wer das Beste erreicht, so viel ist klar, der kann keinen Fehler gemacht haben.

    Damit sind wir nicht nur beim dritten Schritt aus der Perfektionsfalle. Wir sind auch am Kardinalproblem der Perfektion, das sich durch dieses Buch zieht. Weil der scheinbar sicherste Weg, Fehler zu vermeiden, der ist, Ansprüche von außen möglichst perfekt zu erfüllen, tut der Optimierer genau das. Und wird darüber, erstens, wie die Möchtegern-Superstars Sarah und Daniel, austauschbar, verpasst also sein eigentliches Ziel, sich einen Vorteil zu verschaffen. Dies, weil er zweitens vor lauter Optimieren nicht dazu kommt zu überlegen, was er wirklich will (wie der Satisficer). Und vor allem: was er gut kann.

    In Wirklichkeit folgen die meisten Menschen der umgekehrten Strategie: Sie arbeiten sich an ihren Schwächen ab. Das lernt man schon in der Schule, und auch später ist ständig von „Defizite ausgleichen“, „Schwachpunkte ausmerzen“ oder „Mängel in den Griff kriegen“ die Rede. Von Kindesbeinen an sagt man uns, was wir verbessern müssen. Mit dem irritierenden Effekt, dass das, was wir am besten können, so am wenigsten gefördert wird. Ganze Industrien leben von der Schwäche der Menschen, von Nachhilfeunterricht bis zum Coaching. Die Idealvorstellung von Bewerbern, ehrgeizigen Aufsteigern ebenso wie von Menschen auf Partnersuche: möglichst breit aufgestellt sein. Wer kaum Angriffsfläche bietet, der kriegt die wenigsten Treffer ab. Stimmt vielleicht, aber er kann auch nur von allem ein bisschen und nichts richtig gut.

    Denken wir noch einmal an die Unternehmensberaterin Antonella Mei-Pochtler, die ihre geringe Begeisterung für Mathematik eher aussaß als ausbügelte, weil sie wusste, dass sie auf diesem Feld ohnehin keine Chance hätte gegen passionierte Zahlenfetischisten. Stattdessen arbeitete sie konsequent an ihren Stärken, Kommunikation und Kreativität, und stieg zur erfolgreichen Partnerin auf.

    Oh, Sie sind es leid, immer von schneidigen Managertypen zu hören? Auch gut, nehmen wir das denkbar krasseste Kontrastprogramm, die Seeräuber vor Somalia, die mit ihren Entführungen die Welt in Atem hielten. Haben diese Piraten versucht, ihre Unterlegenheit gegenüber der gewaltigen Feuerkraft der vor der Küste kreuzenden Fregatten auszugleichen, indem sie dickere Kanonen bauten? Nein. Sie nutzten stattdessen ihre Stärken, ihre wendigen und schwer zu ortenden Boote, die Guerillataktik, die ganze Asymmetrie des Konflikts.

    Zurück vom Horn von Afrika in die biedere deutsche Arbeitnehmerwelt, für die das Meinungsforschungsinstitut Gallup festgestellt hat, dass nur magere 13 Prozent der Beschäftigten nach ihren Talenten eingesetzt werden. Gleichzeitig ergeben die Gallup-Umfragen in bedrückender Regelmäßigkeit, dass der Großteil der Angestellten nur Dienst nach Vorschrift macht, also keinen Spaß im Job hat und mit entsprechend überschaubarer Begeisterung zu Werke geht. Die größte Erfüllung im Beruf finden übrigens die Selbstständigen. Was nichts anderes bedeutet, als dass, wer sein Optimierungsstreben an den Wünschen von Chefs, Unternehmen oder gesellschaftlichen Idealen statt an eigenen Wünschen und Können ausrichtet, seinen Erfolg fast schon systematisch untergräbt.

    Um ein Haar wäre das auch Charles Handy passiert. Der Mann, den ich vor einigen Monaten auf seinem Cottage im Südosten Englands besuchte, ist nicht der Erfinder des Mobiltelefons, sondern einer der weltweit bekanntesten Wirtschaftsphilosophen. Handy servierte selbst zubereitetes Risotto mit grünem Spargel, dazu einen leichten Sauvignon. Draußen grasten dicke Kühe, die Sonne lud den Tennisplatz neben dem Haus mit Wärme auf, und Handy, Ende siebzig, graues Haar, kluge Augen und passionierter Leiseredner, machte ganz den Eindruck eines Mannes, der mit seinem Leben recht zufrieden ist. Was er vor allem darauf zurückführte, ein „Floh“ zu sein.

    Anders als der „Elefant“, wie Handy in einem seiner Bücher den traditionellen Angestellten in festen Konzernstrukturen charakterisiert, ist der Floh meist selbstständig, lebt also vom Verkauf seiner Talente an andere. Er muss seine Stärken also genau kennen. Handy selbst brauchte eine Weile, bis er es wagte, zum Floh zu werden. Sein Examen in Oxford prädestinierte ihn eigentlich zu einer klassischen Highflyer-Karriere, weshalb er anschließend beim Ölkonzern Shell als Manager anheuerte. „Aber die Zahlengläubigkeit und die starren Hierarchien, das war nicht meine Welt“, sagt er heute. Immerhin aber war Shell damals die absolute Beletage der britischen Wirtschaft; ein echter Optimierer hätte sich eher ein Bein ausgerissen, als eine Karriere dort aufzugeben. Handy hätte seine Schwächen ausbügeln, sich mit den Zahlen beschäftigen und ein besseres Verhältnis zu seinen Vorgesetzten aufbauen können.

    Stattdessen verabschiedete er sich rasch vom klassischen Managerjob, baute zunächst die Shell-Weiterbildungseinrichtung auf, verließ den Konzern dann und wurde Mitgründer der London Business School, um sich schließlich ganz auf das zu konzentrieren, was er immer schon am liebsten mochte und am besten kann: kluge Theorien über die Arbeitswelt entwerfen und sie in Büchern und Vorträgen zu erklären. Bis zum Status als Ikone der Wirtschaftsphilosophie war es ein weiter Weg, man kann ihn an Handys Cottage verfolgen, wo immer dann ein neuer Teil angebaut wurde, wenn ein Bestseller gerade wieder Geld aufs Konto gespült hatte. Aber hätte Handy die klassische Optimiererstrategie verfolgt, seine Schwächen ausgebügelt statt seine Stärken zu entwickeln, dann hätte er sein Lebensziel niemals erreicht.

    Heißt das, wir müssen jetzt alle unsere Jobs kündigen und selbstständig werden? Natürlich nicht. Es heißt aber, und dies ist der wichtigste Schritt aus der Perfektionierungsfalle, dass wir unsere Stärken stärken statt unsere Schwächen ausbügeln sollten. „Weltmeister in einer Sache, statt Regionalliga in vielen Disziplinen“, wie es Coachin Dorothee Echter so schön formuliert. Es ist im Grunde nichts anderes als die alte Idee von den komparativen Kostenvorteilen, die der Ökonom David Ricardo bezogen auf den Handel zwischen mehreren Nationen entwickelte. Danach wird Schweden Schwierigkeiten haben, zum weltbekannten Weinexporteur aufzusteigen und Frankreich es nie in die erste Liga der Rentierzüchter-Nationen schaffen. Wenn sich aber beide Länder auf die Güter spezialisieren, die sie besonders günstig oder besonders gut herstellen können, dann erhöhen sie ihren jeweiligen Wohlstand. Allerdings – denken wir an unseren kleinen Staat mit dem Faible für Mikrowellen – ist die Voraussetzung dafür, seine Stärken zu kennen. Und, vor allem, sich darauf zu konzentrieren.

    Dies ist auch eines der Prinzipien einer relativ neuen psychologischen Richtung, der so genannten „positiven Psychologie“. Sie hat Ricardos Theorie von der Volkswirtschaft auf den Alltag übertragen. So, wie wir es für selbstverständlich halten, an unseren Schwächen zu arbeiten, so hat sich auch die traditionelle Psychologie lange vornehmlich mit Defiziten und den dunklen Seiten der Seele befasst. Mit Ängsten, Zwängen, Depressionen, die es zu beheben galt. Die positive Psychologie dagegen will gezielt persönliche Stärken fördern. Statt des alten „fix what’s wrong“ lautet ihre Parole „build what’s strong“. Erste Experimente zeigen: Individuelle Stärken sind gezielt trainierbar, und das wiederum erhöht die Lebenszufriedenheit.

    Zugegeben: Es mag nicht immer leicht sein herauszufinden, worin man wirklich gut ist. Auch gibt es dafür kein Patentrezept, jeder muss das selbst erforschen. Sich etwa fragen, für welche Dinge er besonders viel Lob erhält, bei welchen Tätigkeiten die Zeit wie im Flug vergeht oder ob es Aufgaben gibt, die ihm selbstverständlich und leicht von der Hand gehen, während andere damit überfordert sind und ihn um Hilfe bitten. Sind die Stärken allerdings gefunden, lassen sie sich beinahe jederzeit kultivieren, auch im Alltag. Wer von Natur aus neugierig ist, sucht sich vielleicht Freizeitbeschäftigungen, die immer wieder neue Erfahrungen bereithalten. Wer gern sagt, wo’s langgeht, im Beruf aber wenig Führungsverantwortung hat, könnte diese in Vereinen oder Parteien übernehmen – und dadurch Selbstbewusstsein tanken, das ihm wiederum im Job weiterhilft.
    Denn sich verbessern wollen ist ja im Grunde nicht verkehrt. Aber das auf möglichst vielen Gebieten zu tun und nur darauf zu schielen, was andere erwarten, das bringt uns nicht weiter. Um gut zu sein, müssen wir weder alles können noch überall mitmischen. Es ist wie in der Gastronomie, die der ehemalige Aldi-Geschäftsführer Dieter Brandes an diesem Punkt gern als Beispiel anführt: „Spitzenrestaurants haben eine kleine Speisekarte.“

    Nur so können sie ihre Stärken ausspielen, originell sein, kreativ, außergewöhnlich und einzigartig. All diese Dinge, die für Menschen noch viel wichtiger sind als für Restaurants, und die ja, die Älteren können sich noch erinnern, der eigentliche Antrieb waren für das Streben nach Optimierung. Weil unsere Maximierung aber gar nicht mehr auffällt, wenn alle perfekt sind, kann es nicht das Ziel sein, immer weiter zu optimieren. Immer besser zu werden. Sondern: anders zu werden, unterscheidbar, einzigartig. Wenn für den Satisficer gilt, dass gut besser ist als perfekt, dann gilt erst recht: Anders ist besser als perfekt.

    Wir sind am Ende unserer Tour durch das perfektionistische Universum angelangt. Wir haben gesehen, wie die drastisch gestiegene Zahl der Optionen und das Versprechen einer (theoretisch) offenen Gesellschaft das Streben nach Optimierung antreiben. Wie uns gleichzeitig das Leitbild des Selbstunternehmers eine größere Verantwortung in allen Lebensbereichen überträgt und so aus dem Hang einen Zwang zur Optimierung macht. Und dass dieses Streben nach Perfektion uns nicht unbedingt erfolgreicher, sondern austauschbarer macht, und uns im Gegenteil daran hindert, unsere wahren Stärken auszuspielen.

    Zuletzt wurden die Fluchtwege aus der Maximiererfalle aufgezeigt: lockerlassen, wie der Satisficer öfter mal das Gute wählen, anstatt auf das Perfekte zu warten, Stärken stärken und sich nicht im Ausbügeln von Schwächen aufreiben. Nur so entgehen wir der Gefahr, am Ende vielleicht perfekt zu sein, aber auch gleichförmig und austauschbar. Einfach ist das nicht, der Weg dahin zeichnet sich eher durch Irrwege und Sackgassen aus als durch achtspurige Autobahnen. Und ein Patentrezept, wie man seine Stärken denn nun erkennt, gibt es an dieser Stelle auch nicht, denn dies ist kein Ratgeber. Fest steht nur: Wenn alle besonders sein wollen, ist es gar nicht so einfach, man selbst zu sein.

    Aber umso wichtiger.”

    Dies war der zweite Teil des Buchauszugs aus “Die Perfektionierer” von Klaus Werle. Nächste Woche stelle ich hier ein weiteres aktuelles Buch vor, das ich empfehlen möchte.

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    Eine Reaktion zu “Klaus Werle: “Schwächen sind unwichtig, Stärken muss man stärken””

    1. So ziemlich die gleichen Gedanken schreibt Dr. Kerstin Friedrich in ihrem Buch “Erfolgreich durch Spezialisierung”. Dahinter steht die Engpaß orientierte Strategie. Was ich im Buchauszug aus “Die Perfektionierer” las, ist eine Variation zu diesem Thema.

      Finde deine Stärke! Was macht dir Freude? Was wirst du anpacken? Ein besonderes Produkt, eine spezielle Problemlösung oder wirst du dich um eine spezielle Zielgruppe kümmern?
      Das ist die Kernaussage von Kerstin Friedrichs Buch. Ich empfehle es wärmstens.

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