Klaus Werle: “Abschied vom schlechten Gewissen – einfach mal lockerlassen”
Mein freundlicher und kluger Kollege Klaus Werle (Bild) hat ein Buch geschrieben. Es heisst Die Perfektionierer und argumentiert wortgewaltig und mit vielen Beispielen gegen den aktuellen Optimierungswahn, alles immer besser können zu wollen. Es ist auf den ersten Blick also der genaue Gegenentwurf zu Meconomy, in dem ich ja erkläre, “warum wir uns jetzt neu erfinden müssen” sowie für lebenslanges Lernen, Lifehacking und Self-Branding plädiere.
In Wahrheit sind Klaus und ich uns aber auch in vielem einig: Dass ein krummer Lebenslauf manchmal der bessere ist, zum Beispiel. Dass man sich nicht immer fragen sollte, was andere von einem erwarten, sondern was man selber wirklich gerne tut. Oder dass man auch mal einfach: gar nichts tun kann. Kurz – mir gefällt das Buch sehr, gerade weil wir von fast entgegengesetzten Ausgangspunkten zu ähnlichen Schlüssen kommen. Darum folgt nun ein Auszug und in ein paar Tagen dann noch einer. Viel Spaß beim Reinlesen!
“Um gleich mit einer Enttäuschung zu beginnen: Dieses Buch ist kein Ratgeber. Im Gegenteil. Erstens gibt es davon schon mehr als genug. Angefangen von Klassikern wie Sorge dich nicht, lebe oder Simplify your life über Schwangerschafts-, Vermieter-, Diät-, Beziehungs-, Handwerker- und Sexratgeber bis hin zu zahlreichen aktuellen Titeln wie Warum bin ich eigentlich nicht glücklich? oder Lebe das Leben, von dem du träumst, schwillt die Flut der Lebenshilfeliteratur seit Jahren gewaltig an. Verständnisvoll lächelnde Menschen bieten Hilfesuchenden kleine Antworten auf ganz große Fragen. Sie befriedigen ein Bedürfnis, das ganz sicher. Aber sie halten, zweitens, dieses Bedürfnis auch künstlich am Leben mit ihrem Mantra, das sich stets in einem Satz zusammenfassen lässt: „Du bist ein toller Mensch, aber du könntest noch toller sein, wenn du dich ein bisschen anstrengst.“ Kräftig basteln sie mit an der Vorstellung, an jeglichem Aspekt des Lebens lasse sich irgendwie herumschrauben, bis alles perfekt ist. Als Profiteure unseres schlechten Gewissens schmieren sie ordentlich Öl in die Optimierungsmaschine.
Das tun sie natürlich nicht umsonst. Von den rund 10 Milliarden Euro, die der Buchmarkt im Jahr umsetzt, entfällt ein Fünftel auf Sachbücher, von denen wiederum ein Großteil Ratgeber sind. Es ist die zweitwichtigste Buchgruppe nach der Belletristik. Ziemlich oft landen die Lebensführungsbreviere ganz oben auf den Bestsellerlisten, und das weltweit. Das Buch Happier von Tal Ben-Shahar, dem Harvard-Professor und Superstar der Glücksindustrie, wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Das Gefährliche daran ist: Die meisten Ratgeber setzen für alles ein Ideal. Das zügigste Studium, die ideale Karriere, die liebendste Mutter, der perfekte Garten. Das verzweifelte Bemühen des Optimierers, dem Ideal zu entsprechen, am besten auf möglichst vielen Feldern, lässt ihn sich verzetteln, und er kann seine wahren Stärken nicht ausspielen. Sollte er das Ideal erreichen, ist das schön für ihn, aber es macht ihn, wie wir gesehen haben, austauschbar. Er ist schließlich nicht der Einzige, der die einschlägigen Ratgeber gelesen hat.
Ein kleiner Ausflug in die Niederungen der deutschen TV-Shows – versprochen: es ist der letzte – illustriert das Problem: Als Sieger aus der Staffel des Jahres 2009 von Deutschland sucht den Superstar gingen, welch Überraschung, Sarah Kreuz und Daniel Schuhmacher hervor. Von Anfang an klare Favoriten, sangen sie sich brav durch sämtliche Shows, wobei sie es peinlich vermieden, einen Hauch von Charakter oder auch nur Unterhaltungswert zu entwickeln. Selbst der Daniel von der Redaktion verordnete Ausflug ins Menschelnde konnte daran nichts ändern. Im Kindergarten bewegte sich Daniel („Was hast du denn Schönes gemalt?“) mit der Natürlichkeit einer Angela Merkel beim Kitesurfen. Dass er und die kreuzbrave Sarah Kreuz schließlich gemeinsam zu Siegern ausgerufen wurden, machte die Sache nicht besser. Zweimal öde ist immer noch öde.
Die Drittplatzierte Annemarie Eilfeld fiel zwar durch einen bemerkenswerten Mangel an Gesangstalent auf, konnte diesen aber durch recht freizügige Bühnenoutfits sowie durch eine nicht minder bemerkenswerte Zickigkeit wettmachen. Sie zeigte nicht nur Kurven, sondern Ecken und Kanten – und bekam am Ende auch ihren Plattenvertrag. Dem ausstrahlenden Sender RTL und der ausdauernd berichtenden Bild hat sie mit ihren Eskapaden Quoten und Auflage gerettet. Uns zeigt sie: Daniel und Sarah waren perfekt, aber austauschbar. Annemarie hatte ein Profil.
Die Widersprüche, die sich aus dem Optimierungsstreben für den Einzelnen ergeben und denen auch Sarah und Daniel zum Opfer fielen, begleiten uns schon durch das gesamte Buch. Letztlich sind es die des bekannten Gefangenendilemmas. Dabei werden zwei Gefangene verdächtigt, gemeinsam ein Verbrechen begangen zu haben. Höchststrafe: fünf Jahre. Wenn beide schweigen, können sie aufgrund von Indizien nur zu zwei Jahren verurteilt werden. Gestehen sie die Tat, kriegen sie vier Jahre. Nun wird beiden ein Handel angeboten: Auspacken gegen Straferlass. Wer seinen Kumpel verrät, ist frei – der Kompagnon aber wird zu den vollen fünf Jahren verknackt. Der Aufbau des Experiments provoziert also den Verrat. Verfolgen aber beide Gefangene diese Strategie, gehen sie für vier Jahre in den Bau – statt für zwei, wenn sie geschwiegen hätten. Wer sich auf den Deal einlässt – oder aufspringt aufs Optimierungskarussell – verbessert vermeintlich seine Position. Weil das aber alle tun, verschlechtert er sie in Wahrheit, und zwar sowohl absolut als auch in Relation zu den Konkurrenten. Wie Sarah und Daniel, die möglichst glatt und perfekt wirken wollten. Annemarie wählte eine Strategie, die in der Versuchsanordnung des Dilemmas nicht vorgesehen ist: Sie bürstete bewusst gegen den Perfektionsstrich und spielte ihr eigenes Spiel. Wir wollen einmal testen, ob sich diese Strategie auch als Ausweg aus der Perfektionierungsfalle eignet. Und wenn auch keine Ratschläge, so sollen am Schluss doch drei Denkanstöße stehen.
Als erstes müssen wir uns von einem langjährigen, treuen Begleiter verabschieden: dem schlechten Gewissen. Dieser Begleiter wirft gern mit Sätzen um sich wie „Keine halben Sachen machen“ oder „Das gehört sich so“. Er fabuliert vom Traumjob, von der perfekten Beziehung, von braven und aufgeweckten Kindern, von Potenzialen, die es zu „heben“ gilt und von Talenten, die „verschüttet“ sind. Ständig zitiert er das Baumarktmotto „Es gibt immer was zu tun“ oder den Nike-Spruch „You don’t win silver. You lose gold“. Was wir tun, ist immer ungenügend. Eine ziemlich frustrierende Einstellung, die um sich greift, wie der Absatz von Antidepressiva zeigt. Weltweit gaben die Menschen dafür im Jahr 2000 13 Milliarden US-Dollar aus, 2007 schon 18 Milliarden, und 2010 sollen es 26 Milliarden werden. Dass die Gemütsaufheller als hippe Lifestyledrogen vermarktet werden, zeigt nur, dass der Frust gesellschaftsfähig geworden ist.
Schlimmer ist aber, dass das ewige Nörgeln sogar den Erfolg verhindert. Wenn ich, nur mal so als Beispiel, zu Olympia fahre, um Gold im Speerwerfen zu gewinnen, aber nur Silber schaffe, dann ist das frustrierend. Bin ich froh, überhaupt mitmachen zu dürfen („Dabei sein“ ist bekanntlich alles), jubele ich auch über Bronze. Das schlechte Gewissen und der Vergleich mit anderen treiben immer weiter in die Optimierung – und gleichzeitig entziehen sie den Mut, wirklich Außergewöhnliches zu leisten, weil sie die Latte immer höher hängen. Die Forschung hat das bestätigt, etwa mit Untersuchungen bei Golfturnieren. Dabei fiel auf, dass allein die Anwesenheit von Tiger Woods andere Teilnehmer deutlich schlechter spielen liess als üblich. Der Vergleich mit dem Superstar schickte ihr Selbstbewusstsein auf Abwege wie ein schlechter Putt den Ball in den Bunker.
Die meisten Menschen neigen dazu, vor allem ihre Makel zu sehen und die Ursachen für ein Scheitern bei sich zu suchen. Ganz so, wie es das beschriebene Leitbild vom aktiven Selbstunternehmer fordert, der für sein Leben allein verantwortlich ist. Dagegen weiß die Psychologie längst, dass Erfolg viel mit Selbstwahrnehmung zu tun hat: Erfolgreiche schreiben positive Ergebnisse ihrem Können zu, Niederlagen halten sie für Pech. Eine ziemlich schlichte Strategie nach dem Motto: „Alle doof außer ich“. Und doch überaus effektiv. So zeigte ein Experiment mit Versicherungsvertretern: Diejenigen, denen Psychologen vorher eingebläut hatten, eigene Fehler auszublenden und Positives in den Blick zu nehmen („Ich habe getan, was ich konnte. Der Kunde hatte einfach andere Bedürfnisse.“), waren nachweisbar erfolgreicher.
Deshalb: Einfach mal entspannen, auf die eigenen Fähigkeiten vertrauen, lockerlassen. Es müssen ja nicht gleich die Schafsfarm auf Neuseeland und selbstgestrickte Wollsocken sein. Etwas mehr Gelassenheit, ein klein wenig niedrigere Ansprüche machen auch in Berlin-Mitte entspannter – und letztlich sogar erfolgreicher.
Der zweite Schritt folgt daraus zwingend: Verabschieden wir uns von der Maximierermaxime. Es ist schlicht unmöglich, immer und überall das Beste herauszuholen. Und wie wir gesehen haben, ist der Versuch auch noch häufig kontraproduktiv. Der Glaube, je mehr Aufwand wir betreiben, desto besser wird das Ergebnis, ist schlicht falsch. Der Unternehmer, Weltenbummler und Halter eines Weltrekords im Tangotanzen, Timothy Ferriss, hat das vor einigen Jahren in einem aufsehenerregenden Selbstexperiment gezeigt. Müde vom aufreibenden Alltag und nach einem Nervenzusammenbruch, rief Ferriss für sich selbst die „4-Stunden-Woche“ aus. Lästigen Routinekram ließ er fortan von kleinen Helferlein am anderen Ende der Welt erledigen, seine Tätigkeit als Firmenlenker beschränkte er vornehmlich aufs Delegieren, Mails las er nur noch jeden Montag, und dann nicht länger als eine Stunde. Das erwartbare Resultat von Ferriss-macht-blau: Er fühlte sich besser, genoss seine neue Freiheit in vollen Zügen. Das unerwartete Resultat: Seine Firma florierte; seit er sich quasi selbst aus dem Unternehmen entfernt hatte, stiegen die Profite um 40 Prozent. Den „Master of Business Administration“ (MBA), der hier schon mehrfach als Beispiel für besonders ausgeprägten Optimierungsdrang beschrieben wurde, definierte Ferriss kurzerhand um in „Management by Absence“.
Die 4-Stunden-Woche ist natürlich eine radikale Lösung, für die der durchschnittliche deutsche Arbeitgeber bestenfalls ein höhnisches Lachen übrig hätte. Aber der Selbstversuch demonstrierte eindrucksvoll, dass eine Entscheidung gegen mehr Aufwand, also mehr Optimierung, nicht gleichzeitig eine Entscheidung für ein schlichteres, anspruchsloseres Dasein ist. Ausdrücklich verspricht der Untertitel von Ferriss’ Buch nicht nur „mehr Zeit“, sondern auch „mehr Geld“.
Weniger ist mehr, weniger bringt mehr. Erinnern wir uns an Gerd Gigerenzer, den Entscheidungsforscher mit dem Loblied auf das Bauchgefühl: Maximierer, die vor Entscheidungen mühsam und aufreibend die beste Option suchen, sind nicht nur unglücklicher als die Satisficer, die sich mit der ersten guten Lösung zufrieden geben. Sie treffen auch oft die schlechtere Wahl. Etwas mehr Satisficer täte uns deshalb gut, weil die Suche nach dem Perfekten, das Sammeln möglichst vieler Informationen, das Betreiben maximalen Aufwands gute Entscheidungen eher behindert als befördert. Gigerenzers „Heuristiken“, also die Abkürzungen von Entscheidungsprozessen durch simple Regeln, die die Intuition imitieren, können helfen, das Leben einfacher und sogar besser zu machen. Gut ist manchmal besser als perfekt. Der Satisficer trägt seinen Namen schließlich nicht von ungefähr.”
Soweit der erste Auszug aus Klaus Werles Buch “Die Perfektionierer” (Campus). In ein paar Tagen folgt der zweite und letzte.

