Jochen Mai: “Die wahren Talente machen jetzt lieber ihr eigenes Ding”

Der Countdown zum Erscheinen meines neuen Buchs “Meconomy” zählt langsam herunter – Anfang Dezember kommt es heraus. Bis dahin veröffentliche ich hier noch zwei weitere Interviews, die ich bei der Recherche geführt habe, in voller Länge.
Heute ist Jochen Mai dran, Deutschlands wohl führender Karriere-Experte. Er hat den Bestseller “Karrierebibel” geschrieben, betreibt ein sehr erfolgreiches gleichnamiges Blog und arbeitet hauptberuflich als Ressortleiter “Beruf + Erfolg” bei der Wirtschaftswoche. Von Jochen wollte ich wissen, wie sich die Berufswelt durch Technologiewandel, Self-Branding und Wirtschaftskrise verändert hat. Teil zwei des Interviews folgt in einigen Tagen.
Was lernen wir in Sachen Karriere aus der abklingenden Krise – Neues wagen, weil die lebenslange Festanstellung selbst bei Traditionsmarken wie Opel, Märklin, Karstadt keine Option mehr ist? Oder doch lieber festhalten, was man hat?
Die Zeit der Kaminkarrieren mit lebenslanger Anstellung sind ja nicht erst seit der Krise vorbei. Der Trend hat sich schon Ende der Neunzigerjahre angekündigt und setzt sich seitdem fort. Allerdings hat ihn die aktuelle Krise interessanterweise verlangsamt. Warum? Weil die Unternehmen beim letzten Wirtschaftscrash mit dem Platzen der Dotcom-Blase gemerkt haben, dass sich radikale Entlassungswellen rächen. Sie kratzen am Image eines attraktiven Arbeitgebers, vor allem aber beschädigen das intellektuelle Kapital der Unternehmen. Denn die, die bei solchen Runden gleich mit von Bord gehen, gehören oft zu den Leistungsträgern. Zudem sind die Kosten für das Rekrutieren von Talenten ungleich höher, als jene, um solche Leute zu halten. Deshalb haben die Unternehmen in der jüngeren Vergangenheit auch vermehrt auf Instrumente wie Kurzarbeit oder Einstellungsstopps zurückgegriffen sowie Personalentwicklung, um die Besten zu halten. Für die Karriere heißt das im Kern: Eine hohe Spezialisierung und eine überdurchschnittliche Leistungsbilanz sind der beste Schutz vor Kündigung – und erhöhen gleichzeitig die Wahlfreiheit auf dem Arbeitsmarkt.
Laut einer Umfrage auf Deiner Website “Karrierebibel” waren 70 Prozent der Leser selbst auf dem Höhepunkt der Krise bereit, ihren Job aufzugeben, wenn sie mit ihm unzufrieden waren. Was sagt uns das über die (mangelnde) Jobzufriedenheit in Deutschland, was über die Risikobereitschaft der Menschen?
Mit solchen Zahlen muss man vorsichtig sein: Die Bereitschaft zum Jobwechsel heißt noch nicht, dass die Leute tatsächlich wechseln. Sie spielen mit dem Gedanken – was allerdings in Krisenzeiten nichts ungewöhnliches ist. Eine Langzeitstudie der R+V Versicherung etwa bescheinigt, das der Arbeitsplatzverlust 2009 der größte Angstmacher der Deutschen ist. Das spricht nicht gerade für eine erhöhte Risikobereitschaft. Was man jedoch beobachten konnte, ist, dass sich tatsächlich einige Menschen selbstständig gemacht haben. Das waren aber vor allem hoch spezialisierte Fachkräfte mit langjähriger Berufserfahrung. Die erleben seit rund zehn Jahren, wie ihre bisherigen Arbeitgeber durch zwei heftige Krisen schlidderten. Und ich meine wirklich „schliddern“: Kaum ein Management brillierte dabei durch planende Voraussicht, strategische Weitsicht, mutige Visionen oder innovativen Esprit. Jene Eigenschaften, die die Manager zwar oft von ihren Top-Leuten verlangen ohne sie aber selbst vorzuleben. Kein Wunder, wenn sich die wahren Talente dann abkehren und lieber ihr eigenes Ding machen – schlicht, weil sie es können.
Ist in der digitalen Ökonomie die Zeit der großen Selbstverwirklichung im Job angebrochen? Oder gilt das nur für bestimmte Berufsfelder bzw. eine kleine Avantgarde?
Auch wenn die Antwort unbequem ist: Ich glaube, das gilt nur für eine Avantgarde. Die – und das ist die gute Nachricht – wächst allerdings in Deutschland. Zwei Entwicklungen sind dafür verantwortlich: Als Einwohner eines Hochlohnlands haben deutsche Arbeitnehmer nur eine Chance im internationalen Wettbewerb Schritt zu halten – sie müssen besser ausgebildet sein und spezialisierter arbeiten. Diese gefragten Spezialisten sind dann durchaus in der Lage, ihre Arbeitgeber und Arbeitsinhalte auszuwählen beziehungsweise mitzubestimmen. Die zweite Entwicklung hängt mit der zunehmenden Vernetzung bei den Dienstleistungsberufen zusammen. Breitband-Internet und immer leistungsstärkere mobile Rechner flexibilisieren die Arbeitswelt. Auch davon profitieren wiederum die Hochqualifizierten. Für einen Fahrzeugingenieur ist es schlicht egal, ob er das neue Supersparelektroauto daheim, im Büro oder in einer Palmenhütte mit Internetanschluss zusammen mit einem vernetzten Team entwickelt. Um im Bild zu bleiben: Der gering qualifizierte Monteur am Band hat diese Option allerdings nicht. Er muss in der Produktionsstraße stehen – und die wird sich dahin verlagern, wo die Löhne wettbewerbsfähig sind.
Frank Michael Kraft
20. November 2009 — 17:39Passt. Besser kann man es kaum sagen.