Interview mit ‘Things’-Erfinder, Teil 2: “Ich wünsche mir in Deutschland eine stärkere Gründerkultur”

Hier folgt Teil 2 des Interviews mit Jürgen Schweizer (hier links im Bild, zusammen mit dem Rest des Teams), einem der Gründer der Firma CulturedCode, die mit dem Produktivitäts-Programm ‘Things‘ als eine der erfolgreichsten deutschen iPhone-App-Schmieden gilt. Teil eins des Interviews gibt es hier.
Es heisst immer wieder, “iPhone-Apps are leveling the playing field”. Kann wirklich jeder dank der Infrastruktur des App-Stores aus dem Stand zum globalen Unternehmern werden? Wie erleben Sie das?
Der App Store hat die Einstiegshürde so klein gemacht, dass man sich kaum noch eine Verbesserung vorstellen kann. Der Weg zum Kunden wird einem komplett von Apple abgenommen. Ein Eldorado, wie manche glauben, ist der App Store dennoch nicht. Bei mehr als 50.000 Anwendungen ist es keine einfache Aufgabe auch bemerkt zu werden. Es ist also wirklich leicht zum globalen Unternehmer zu werden. Aber zu einem erfolgreichen Unternehmer? Das ist eine andere Frage.
Erfolgsgeschichten wie die von Ethan Nicholas, Steve Demeter oder dem neunjährigen Lim Ding Wen, die aus dem Stand weltweiten Erfolg mit ihren Apps hatten, zeigen, dass es heute so einfach ist wie nie, sich selbständig zu machen. Stimmen Sie dem zu?
Die Entwickler, die Sie hier nennen, haben einen Überraschungserfolg erzielt. Das wäre ohne den App Store so tatsächlich nicht möglich gewesen. Sich dauerhaft selbständig zu machen, ist hingegen eine ganz andere Sache. Ethan und Steve sind für eine gewisse Zeit in den iTunes Bestseller Listen aufgetaucht, was ihnen für diese Zeit beeindruckende Umsätze eingebracht hat. Sich dauerhaft selbständig zu machen, erfordert jedoch eine nachhaltige Produktplanung und solides Marketing. Das stellt nach wie vor eine große und spannende Herausforderung dar.
Welche weiteren Ursachen für eine neue Gründer-Kultur sehen Sie? Wie wichtig sind geringes Startkapital dank existierender Plattformen wie Google, günstiges Outsourcen von Vertrieb oder Callcenter, gemietete Serverkapazitäten …?
Das Internet hat die Wichtigkeit von zwischengeschalteten Distributoren stark schrumpfen lassen und in manchen Fällen komplett zum Verschwinden gebracht. Seit den Anfängen des Internets ist es immer einfacher geworden, Kunden zu erreichen. Für die Abwicklung des Geldverkehrs gibt es Dienstleister. Das Anmieten von Server-Kapazitäten ist von Jahr zu Jahr günstiger geworden; bis hin zu extrem leistungsfähigen und skalierbaren Lösung wie Amazons so genanntes „elastic cloud computing“. Open source Software, z.B. für Blogs und Internet-Foren, ermöglicht es schnell und günstig Inhalte zu verbreiten.
Sowohl die Werkzeuge zur Software-Entwicklung als auch das Wissen, wie man es anstellt, sind über das Internet zu bekommen. Clevere junge Leute müssen keine teuren Kurse oder Lehrgänge besuchen. Um die so genannte „Ruby on Rails“ Technologie, mit der moderne Web-Anwendungen entwickelt werden können, ist eine ganze Kultur entstanden mit vielen Firmen, die auf agilen Prozessen basierend und in enger Zusammenarbeit mit den Ideengebern ihre Entwicklungsarbeit anbieten.
Würden Sie jungen Menschen folglich empfehlen, mutig zu sein und sich auch in der Krise mit eigenen Geschäftsideen selbständig zu machen? Braucht Deutschland eine neue Gründerkultur?
Eine stärkere Gründerkultur würde ich mir sehr wünschen. Wer heute in Deutschland etwas Neues anfängt stößt nicht unbedingt auf großen Enthusiasmus. Zwar haben Universitäten häufiger Ausgründungs-Programme und auch die Industrie und Handelskammern bieten Unterstützung an; das Interesse und die Akzeptanz in der Bevölkerung ist jedoch nicht sehr weit entwickelt. Das hat einen großen Einfluss auf den Mut und die Phantasie potentieller Gründer.
Ich würde mir wünschen, dass Gründungsinitiativen viel positiver aufgenommen würden. Und das schließt auch potentielles Scheitern mit ein. Die meisten neue Projekte werden scheitern, egal wie viel Mühe man sich im Vorfeld gemacht hat. Das liegt einfach in der Natur der Sache. Wer Angst hat sich ein „ich habʻs dir doch gleich gesagt“ anhören zu müssen, wir sich nicht so gerne einem Risiko aussetzen. Ich kann also nur jeden ermutigen, den ersten Schritt zu wagen. Die Finanzkrise kann man getrost ignorieren. Wer aber nicht bereit ist auch zu scheitern, sollte sich nach einer Anstellung umsehen.
Wie würden Sie Ihre eigenen beruflichen Laufbahnen beschreiben? Haben Sie sich mit Cultured Code einen Traum erfüllt? Ist das eigene Unternehmen auch ein Stück Selbstverwirklichung?
Cultured Code ist für uns alle hundertprozentige Selbstverwirklichung und die Erfüllung eines Traums. Neues zu schaffen und einen Unterschied zu machen, war für mich immer einer der stärksten Antriebe in meinem Leben. Es sind nur die Formen, die sich geädert haben, und sicher in der Zukunft auch noch weiter ändern werden. An der Uni Tübingen war ich in der glücklichen Lage, einige Jahre lang aktuelle Forschung machen zu können und dabei die besten in meinem Fach kennen zu lernen. Ich war sehr neugierig drauf, zu sehen, wie Forschung funktioniert. Interessant war für mich dann zu erleben, wie wenig ich für Cultured Code meine allgemeine Vorgehensweise und Einstellung ändern musste. Der neue Aspekt, der mit einer Anwendung wie Things für mich hinzugekommen ist, dass man viel mehr Leute erreichen kann als mit Artikeln in Fachzeitschriften :). Immer wieder erreichen uns Dankes-Emails von Leuten, die mit Things ihre Produktivität steigern konnten. Das wäre mir an der Uni nicht passiert.
Was planen Sie als nächstes?
Ich glaube, dass Software-gestützte Aufgabenverwaltung zur gleichen Selbstverständlichkeit werden wird, wie zum Beispiel Textverarbeitung mit dem Computer. Dazu werden aber noch bessere Konzepte zur Benutzerführung nötig sein. Cultured Code hat sicherlich die Absicht mit weiteren Innovationen zu zeigen, in welche Richtung die Entwicklung gehen sollte. Persönlich wünsche ich mir, mehr Zeit zum Schreiben zu finden. Vielleicht werde ich ja Ihrem Beispiel als Buchautor nacheifern…