Interview mit ‘Things’-Erfinder: “Der Druck, als Arbeiter flexibler und wandelbarer zu werden”

Weiter geht’s mit meiner kleinen Reihe von Interviews, die für das nächste Buch geführt und hier im Blog vorweg in voller Länge sowie weitgehend unbearbeitet veröffentlicht werden. Heute ist Jürgen Schweizer (Bild) dran, einer der Gründer und Eigentümer von Cultured Code, der Firma hinter der enorm erfolgreichen iPhone-App namens Things.
Ich verwende das Programm übrigens selbst, um Aufgaben und Projekte zu verwalten, zu dokumentieren und zwischen meinem MacBook und iPhone zu synchroniseren. Es gibt bestimmt auch andere tolle Lösungen, aber ich habe mich für diese entschieden, denn sie bekam von Anfang an sehr gute Kritiken. Teil zwei des Interviews folgt, wie immer, in ein paar Tagen.
Herr Schweizer, erklären Sie bitte kurz, was ‘Things’ aus Ihrer Sicht eigentlich ist.
Der Name des Programms Things bezieht sich auf die englische Formulierung „getting things done“. Es ist ein Programm mit dem Ziel, das Leben besser geregelt zu bekommen. Obwohl es zunächst sehr einfach und zugänglich daher kommt, leistet es weit mehr als man von den üblichen
Kalender Anwendungen gewohnt ist.
Wer sind Ihre Kunden und aus welchen Ländern kommen sie?
Unsere Kundschaft ist sehr international hauptsächlich aus entwickelteren Ländern. Die USA stellen zur Zeit den größten Markt dar, wo wir nun auch in den Apple Stores mit unserer Box vertreten sind. In jüngster Zeit haben wir sehr um den Japanischen Markt gekümmert, der immer einer besonderen Aufmerksamkeit bedarf.
Things gilt als eine der erfolgreichsten deutschen iPhone-Apps. Haben Sie damit gerechnet?
Den heutigen Erfolg von Things habe ich durchaus als Möglichkeit am Horizont gesehen. Ihn tatsächlich eintreten zu sehen, ist aber eine ganz
andere Sache! Manchmal war – statt Freude – Verblüffung sogar die stärkere Reaktion. Man darf nicht vergessen, dass mit dem Erfolg auch die
Verantwortung wächst. Wir sind uns sehr bewusst, was wir unseren Kunden verdanken und sind ständig bestrebt, das in uns gesetzte Vertrauen in der
täglichen Arbeit immer wieder neu zu verdienen. Vor dem App Store Launch letzten Jahres haben wir größtenteils auf eigene Rechnung von zu Hause aus gearbeitet.
Können Sie den Erfolg in Zahlen fassen?
Inzwischen haben nicht nur die vier Teilhaber ein Auskommen, wir haben auch vier weitere feste Mitarbeiter eingestellt. Darüber hinaus arbeiten wir mit freien Mitarbeitern zusammen, von denen einer dieses Jahr und der andere nächstes Jahr fest übernommen werden soll. Es ist jedoch wichtig zu erwähnen, dass unsere Mac Software signifikant stärker zum Umsatz beiträgt. Bei all der medialen Aufmerksamkeit für das iPhone wird der Mac leicht übersehen. Gerade Gründer sollten da genauer hinschauen, da man auf der Mac Plattform eine große und für Innovationen offene Kundschaft vorfindet. Das Potential von Things ist noch lange nicht ausgereizt. Softwareunterstützte Aufgabenverwaltung steht erst an ihrem Anfang. Interessanterweise sehen das Investoren genauso, die bei uns inzwischen Schlange stehen.
Wie kamen Sie auf die Idee zu dem Produkt und welche ersten Schritte waren nötig, um es auf den Markt zu bringen?
Ein Vorläufer der Produktidee ist viele Jahre alt und geht auf meine Zeit als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Tübingen zurück. Wir erleben ja alle wie die Menge an Informationen, die man zu bewältigen hat – und sei es nur, in dem man sie guten Gewissens ignoriert – immer mehr zugenommen hat. Und das gilt nicht erst seitdem das Internet zu einem allgegenwärtigen Erfolg geworden ist. Mein ursprüngliches Bedürfnis war es, ein allgemeines Werkzeug zur Informationsbewältigung zu schaffen. Aber das ist natürlich ein viel zu umfangreiches Problemfeld.
Es ist eine große Ironie, dass Tim Berners-Lee aus einem ganz ähnlichen Bedürfnis heraus den Grundstein zum heutigen World Wide Web gelegt hat, das nun seinerseits wieder mehr Informationen und Ablenkungen auf unsere Schreibtische spült als je zuvor. Für mich war es dann schließlich Jahre später die Lektüre von David Allens „Getting Things Done“, die mir die Augen dafür geöffnet hat, wie man aus dem großen Problemfeld einen machbaren Teil herauslösen kann.
Bis dahin hatte ich mich zusammen mit meinem Mitstreiter Oliver Marquetant mit der Entwicklung eines Werkzeuges für Webdesigner über Wasser gehalten. Mit diesem haben wir einen Beitrag zur Unterstützung der damals aufblühenden Web Standards geleistet. Dieser erste Teil unsere Firmengeschichte war sehr wichtig zum Sammeln von Erfahrungen und auch dafür, relativ ungestraft Fehler machen zu dürfen.
Haben Sie Fördergelder erhalten, lobt die Politik Sie als vorbildlichen Case?
Ich würde mir wünschen, dass über erfolgreiche Firmengründungen mehr gesprochen wird. Auf ein großes Interesse sind wir da noch nicht gestoßen. Andererseits ist die Geschichte unseres Erfolges ja noch jung.
Wie erklären Sie sich das aktuelle Interesse an persönlicher Produktivität, GTD, etc.?
Das Bedürfnis die eigene Produktivität zu verbessern ist ein altes. Neuer ist das Internet als Möglichkeit sich darüber zu verständigen und Anregungen auszutauschen. So ist auch aus David Allens klarsichtiger Analyse und GTD Methode eine Mode geworden. Und das ist ganz und gar nicht abwertend gemeint. So sind Leute in den Genuss seiner Einsichten gekommen, die man in Buchhandlungen niemals in der Ecke mit Management und Beratungslektüre gefunden hätte. Ich habe von seinem Buch in einem Blog für Softwareentwickler gelesen!
Hat das etwas mit dem zunehmend mobilen und flexiblen Arbeiten zu tun, mit dem Ausbrechen aus Büro-Infrastruktur und Anwesenheitspflicht?
Ich glaube nicht, dass das Interesse an persönlicher Produktivität ein Resultat von zunehmendem mobilen und flexiblen Arbeiten ist. Eher sind beide ein Reflex auf unklarer und wandelbarer gewordene Rollendefinitionen und Arbeitsfelder. Hochstrukturierte Gesellschaften wie die unsere bringen natürlicherweise immer mehr Informationsarbeit hervor. Neu ist aber, dass es praktisch keine physikalischen Grenzen für die Informationsübermittlung mehr gibt.
Interessiert das Thema eher Freiberufler oder inzwischen auch Angestellte?
Das permanente Gefühl von Gleichzeitigkeit und Machbarkeit erzeugt einen Druck, selber als Arbeiter flexibler und wandelbarer zu werden. Dieser Druck wird natürlich von Freiberuflern und Managern zuerst wahrgenommen aber mit Sicherheit auch an Angestellte weitergegeben.