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von Markus Albers

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    Chris Anderson: “Ich würde gern einen Weg finden, Murdochs Vorschlag umzusetzen”

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    In der letzten Ausgabe der ZEIT erschien ein Interview mit Chris Anderson (oben), Chefredakteur der Zeitschrift Wired und Autor des Buches “Free“, das in Deutschland bei Campus unter dem Titel “Kostenlos” erscheint. Ich habe das Interview zusammen mit Götz Hamann geführt, dem stellvertretenden Ressortleiter Wirtschaft bei der ZEIT.

    Weil unser Gespräch sehr viel länger war als das, was letztlich im Blatt Platz fand (so ist es bei Interviews eigentlich immer), weil wir über einige andere spannende Dinge gesprochen haben und weil die Debatte über Paid Content anhält, veröffentliche ich hier nun eine längere Version. Sozusagen der Director’s Cut, erster Teil. Viel Spaß damit! Der zweite Teil folgt in wenigen Tagen.

    Herr Anderson, Nachrichten im Internet sind seit Jahren kostenlos zu haben. Der Verleger Rupert Murdoch will das nicht mehr hinnehmen und künftig Artikel seiner mehr als hundert Zeitungen online verkaufen. Hat der Mann das Internet nicht verstanden?

    Murdoch folgt genau meinen Empfehlungen. Er hat zwar keine Details verraten, aber wenn man sich die Internetseite des Wall Street Journal anschaut, das ein Vorreiter und eine Ausnahme in seinem Konzern ist, sieht man bereits ein perfektes Freemium-Modell.

    Was ist das?

    Für Medien funktioniert das so: Die populärsten Inhalte sind kostenlos, um möglichst viele Menschen anzuziehen; und man versucht das über Werbung zu finanzieren. Inhalte, die weniger Menschen interessieren – die dafür aber umso stärker –, verkauft man.

    Das meiste wird weiterhin verschenkt?

    Etwa 90 Prozent sind bei Freemium kostenlos, ein Zehntel können Sie verkaufen. Sie benutzen das frei zugängliche Angebot, um die Nachfrage nach dem bezahlten Teil zu steigern. Ein Beispiel dafür ist mein neues Buch – wir haben es zeitlich begrenzt in digitaler Form umsonst weggegeben, um damit die Nachfrage nach dem gedruckten Buch zu steigern. Potenzielle Käufer können reinlesen und wissen, worum es geht.

    Mehr als 300.000 Menschen haben Ihr Buch in den USA aus dem Internet heruntergeladen. Trotzdem stieg die Papierversion bis auf Platz 13 der New York Times-Bestsellerliste. In Deutschland gab es die Online-Version nicht umsonst. Stattdessen kostet sie 39,90 Euro. Nicht gerade free, oder?

    Ich habe keinen Einfluss darauf, was die Rechteinhaber in den jeweiligen Ländern entscheiden. Immerhin habe ich mir die Rechte am Hörbuch gesichert, und dieses ist – wenn auch leider nur in Englisch – weltweit für immer kostenlos.

    Werden Sie also missverstanden? Obwohl Ihr Buch “Free” heisst – in Deutschland “Kostenlos” –,  geht Ihnen gar nicht darum, dass immer mehr Produkte künftig komplett umsonst sein werden?

    Viele bringen das durcheinander – sie denken, es gehe mir um „kostenlos“ versus „kostenpflichtig“ – dass also ein Produkt oder Service zu 100 Prozent umsonst sein oder eben etwas kosten müsse. Es geht aber vielmehr um die Entscheidung „umsonst“ oder „Freemium“.

    Kostenlose Proben gab es doch immer schon. Was ist daran neu?

    Es gibt viele verschiedene Arten von dem, was ich in Free beschreibe. Mir geht es vor allem um digitale Produkte. Die haben die einmalige Eigenschaft, dass ihre Grenzkosten nahe null sind.

    Also jene Kosten, die entstehen, um je eine weitere Einheit eines Produkts herzustellen und zu vertreiben, sobald es einmal entwickelt ist.

    Ja, bei digitalen Gütern diktieren die Kosten den Preis nicht mehr wie früher. Daraus haben sich drei Arten von free entwickelt. Neben Freemium entsteht eine zweite Art , weil in der digitalen Welt viele Autoren nicht aus kommerziellen Gründen schreiben: Blogs, Twitter-Texte, Facebook-Inhalte und so weiter. Sie tun es für die Reputation, für Aufmerksamkeit. Es ist Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Die dritte Art ist die traditionelle Werbefinanzierung. Kunden bekommen ein Produkt umsonst, weil andere, nämlich die Werbetreibenden, es subventionieren. Das war die erste Welle von Geschäftsmodellen im Internet, aber es gibt eindeutig nicht genug Werbegeld für alle.

    Ein Beispiel für Freemium wäre in Deutschland das soziale Netzwerk Xing, bei dem die Minderheit der zahlenden Nutzer die abgespeckte Variante für die Masse finanziert.

    Oder das Wall Street Journal sowie der kostenlose Fotodienst Flickr und seine kostenpflichtige Profi-Variante Flickr-Pro …

    Eine kleine Zahl von Medienschaffenden, wie etwa der ehemalige US-Journalist und erfolgreiche TV-Produzenten David Simon (The Wire), fordert: Alle Artikel müssten kostenpflichtig werden. Nur so sei Qualitätsjournalismus zu retten. Wie realistisch ist das?

    Wer das macht, verabschiedet sich aus der öffentlichen Wahrnehmung. Es geht darum, sich daran zu orientieren, was ist. Ich erfinde in Free nichts, ich plädiere nicht dafür, ich beschreibe nur, welche Geschäftsmodelle entstanden sind.

    Simon hat also unrecht, wenn er fordert, die New York Times und die Washington Post sollten ihre Inhalte gleichzeitig hinter eine “Paywall” bringen, dann könnten andere Zeitungen schon nachziehen?

    Wenn ich für oder gegen Thesen argumentiere, benutze ich nicht das Wort „sollte“. Es geht darum, was ist. Das ist keine Frage der Philosophie, sondern der Praktikabilität.

    Sie sind nicht nur Buchautor, sondern auch Chefredakteur der Zeitschrift Wired. Es ist ein Magazin für Techniktrends und Lifestyle. Wie halten Sie es im Netz?

    Alle unsere Artikel gibt es umsonst.

    Widerspricht das nicht Ihrer These?

    Wir bieten die Artikel, aber nicht das volle Erlebnis. Letzteres ist bei einem Magazin größtenteils ein Visuelles: die Grafik, die Fotos, die Verpackung der Ideen. Online fällt diese visuelle Komponente weg. Um den Text zu lesen, muss man vielleicht 16-mal klicken, die Fotos sind klein, das Layout fehlt ganz.

    Vielleicht sind Ihre Inhalte einfach nicht wertvoll genug.

    Die Auflagen von Zeitungen sinken, unsere Auflage steigt. Was wir als monatliches Hochglanzmagazin machen, kann im Internet nicht reproduziert werden. Unser gedrucktes Produkt macht die Inhalte wertvoller, sie funktionieren besser im Magazin. Zeitungen geht es schlecht, weil das Internet besser darin ist, Nachrichten zu verbreiten. Wenn wir als Magazin unsere Inhalte online umsonst weggeben, ist das sinnvolles Marketing. Die Medien unterscheiden sich. Was fürs Radio funktioniert, gilt nicht fürs Fernsehen, Tageszeitungen müssen nicht dasselbe tun wie Wochenzeitungen.

    Murdoch denkt, dass die meisten Verleger ihm folgen werden.

    Heute folgen die meisten Verleger unserem Modell. Ich würde gern einen Weg finden, Murdochs Vorschlag umzusetzen – er ist da an einer wichtigen Sache dran. Mein Ansatz wäre aber nicht, „Paywalls“ zu erreichten, also alle Inhalte kostenpflichtig zu machen und sozusagen hinter einer Mauer zu verstecken.

    Weil dadurch die Leserzahlen drastisch sinken würden und damit auch die Webeeinnahmen.

    So ist es. Die Zeitungen würden von sehr viel weniger Menschen gelesen. Wäre das ein besseres Geschäftsmodell? Ich weiß es nicht. Aber es wäre auf jeden Fall ein Verlust für sie, nicht mehr Teil der öffentlichen Debatte zu sein. Zeitungen würden diese Debatte dann nicht mehr befeuern. Das hätte Konsequenzen für ihre Rolle in der Gesellschaft. Niemand in der Medienbranche, der mir bekannt wäre, spricht von 100 Prozent Bezahlinhalten, und ich denke, auch Murdoch tut das nicht.

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