Ich bau mir mein Leben, wie es mir gefällt: Palomar5 erfindet die Zukunft

Die Zukunft des Lebens und Arbeitens wird heute bei Erdnussflips, Paprikaschnitten und Elektromusik erfunden. Auf großen Tafeln mit bunten Zettelchen, mit rührenden selbstgebastelten Modellen und nach Selbsterfahrungsübungen wie dem gemeinsamen Überqueren eines Flusses und dem Erklimmen einer Mauer mittels handgeknüpfter Leitern. Willkommen bei Palomar5, einem Camp, in dem hochbegabte junge Leute, sogenannte „Digital Natives“, erkunden sollen, was sich ihre Generation unter Job und Identität vorstellt.
Davon, dass die Telekom hier einiges Geld investiert hat, um Angela Merkel auf dem nächsten IT-Gipfel mit den bahnbrechenden Einsichten der jungen Elite zu beeindrucken, ist auf der großen Terrasse an der Berliner Spree erstmal wenig zu sehen. Das Wasser kommt aus billigen Discounter-Plastikflaschen, die Teilnehmer sitzen auf Decken und Kissen herum, schnibbeln, kleben und plaudern. Ein Subwoofer brummelt leise. Irgendwo hängt eine Schaukel. Das Ganze wirkt eher wie ein Jugendlager als wie ein hochmoderner Think Tank. Aber erste Eindrücke können täuschen.
Die Camp-Besucher sind durchgehend zwei- bis dreisprachige Designer, Kommunikationswissenschaftler, IT-Experten und angehende Manager in den Zwanzigern. Sie werden, das ist klar, zur beruflichen Elite von morgen gehören. Hier sind sie aufgefordert, zunächst spielerisch zu definieren, wie sie sich ihre künftige Berufs- und Lebenswelt vorstellen. Und dann sollen sie auch gleich konkrete Produkte entwickeln, mit denen Unternehmen den Anforderungen der Digital Natives gerecht werden können. Fest steht: So wie heute sieht der Arbeitsplatz dann nicht mehr aus.
Für diese jungen Leute ist es selbstverständlich, dass sie überall arbeiten können und nicht mehr jeden Tag ins Büro gehen. Dass sie trotzdem mit Hilfe kollaborativer Softwarelösungen in ständigem Kontakt mit ihren Kollegen stehen wollen. Dass sie nicht mehr an die eine glücklich machende Festanstellung glauben, sondern dass Projekte künftig in einem losen Netzwerk zwischen Firmen, Sub-Unternehmern, Freiberuflern und Experten umgesetzt werden. Dass es dann egal ist, wer frei arbeitet und wer festangestellt. Die Teilnehmer haben ganz neue Denkmuster und ganz konkrete Fragen: „Warum kann eine Person nicht drei Arbeitsverträge gleichzeitig haben?“ so Stefan Liske, der Palomar5 mit organisiert. Oder: „Wenn wir künftig Chips unter der Haut eingepflanzt haben, die unsere Biodaten ständig an einen Server schicken – darf dann der Arbeitgeber diese Daten auswerten, um zu sehen, wann ich besonders leistungsfähig bin?“

Klingt wie ein großer Science-Fiction-Spielplatz und ein bisschen soll es das ja auch sein. Gleichzeitig müssen Personaler und Führungskräfte sehr genau hinhören, wie diese neue Generation sich Job und Leben vorstellt. Geht ein Unternehmen nicht auf solche Fragen ein, werden solche High Potentials lieber bei der Konkurrenz anheuern. Gleichzeitig entsteht ein neuer Markt innovativer Produkte und Dienstleistungen, die die Bedürfnisse junger Arbeitnehmer bedienen.
Und so denken die klugen Mittzwanziger auf Begriffen herum wie „The Next Generation of Identity“, „Knowledge Cultivation“, oder „Collaborative Value Creation“. Was klingt wie eine Satire über Trendforscher, hat für die Teilnehmer hier ganz lebenspraktische Bedeutung. Die Sache mit der Identität zum Beispiel treibt sie wirklich um: „Unsere Biografie ist fragmentiert“, sagt die Chinesin Xiwen in perfektem Englisch: „Wir haben eine Persönlichkeit auf Facebook, eine auf Xing, eine in unserem Blog und eine in der realen Welt. Wir brauchen neue Werkzeuge, um all diese Facetten unseres Lebens zu verwalten.“ Die anderen Teilnehmer nicken bedeutungsschwanger – derartige Probleme dürfen heute offenbar als kulturübergreifend betrachtet werden.
Edial, ein Holländer mit wildem Lockenkopf, hat mit seiner Arbeitsgruppe den „Mehrwert durch Kollaboration“ diskutiert und einen „Prototyp“ ihrer Lösung gebaut – das detaillierte Papiermodell einer Bildschirmoberfläche: Kleine gefaltete Pappstücke symbolisieren sich öffnende Software-Fenster. Sieht aus wie ein überdimensionales Kinderbuch mit Schiebe-Bildern. Interessanterweise klappt das sehr gut: Man kann sich vorstellen, wie diese Software funktionieren soll.
Der junge Niederländer führt den bastelbunten Prototyp vor: „Die verschiedenen Kommunikationsplattformen, mit denen wir jeden Tag beim Job interagieren, wären in eine einzige Oberfläche integriert. Hier sieht man, an welchen Projekten man arbeitet und in welchem Status sie gerade sind, dort habe ich meine Google-Docs, Basecamp-Kollaborationen, da meine Twitter- und Facebook-Streams. Hier vorne sieht man zum Beispiel, welcher Kollege gerade wobei Hilfe benötigt. Wenn jemand ein Photoshop-Problem hat, ich mich damit auskenne und kurz Zeit habe, kann ich ihm helfen. Das System merkt sich diese Hilfe und der Projektleiter sieht am Ende, wer was wann kollaborativ beigetragen hat.“ Überzeugte Datenschützer mögen sich an dieser Stelle ebenso schütteln wie Jargon-Hasser – doch die Deutungshoheit über die Zukunft der Arbeit wird wohl nur gewinnen, wer keine Angst vor Big Brother hat und wer mit genau solchen Begriffen hantieren kann.

Neue Arten der „Kultivierung des Wissens“ in Unternehmen hat die Deutsche Bettina mit ihrer Gruppe untersucht und es stellt sich heraus, dass die jungen Leute unter „Wissen“ zunächst mal verstehen: Wissen über ihre Kollegen. Bettina fordert: „Für unsere Generation ist es zentral wichtig, ‚weiche’ Informationen über unsere Mitarbeiter zu haben. Unternehmen sollten diese Informationen allen zugänglich machen. Ich möchte wissen, wer Kitesurfer ist und wer Tomaten züchtet.“
Ich bin heute hier eingeladen, um einen Vortrag über mobiles Arbeiten zu halten und schalte dazu eigens live per Skype zu einem Coworking-Raum in New York, wo mit großem Hallo die virtuellen Besucher aus Berlin begrüßt werden, um dann mit der Webcam eine schnelle Führung durch die Räume in Manhattan anzuschließen. Was vermutlich Manager mancher Großkonzerne beeindruckt hätte, nehmen die jungen Zuschauer hier interessiert aber lässig als ganz selbstverständlich hin. Sie stellen Fragen an die New Yorker. Wollen wissen, wie man denn beim Coworking noch Zeit habe, sich für die Arbeit Fremder zu engagieren, wenn man doch seine eigenen Projekte fertig stellen müsse. Oder wie viele Mitglieder der New Yorker Coworking-Raum habe, was das im Monat koste und ob man auch einen weltweit gültigen Pass für Orte des gemeinsamen Arbeitens erwerben könne. Kurz: Was ich mit meinen 39 Jahren für modern hielt und irgendwie High-Tech, ist für diese Mittzwanziger schlicht Alltag.
Einwegwasserflaschen und Erdnussflips hin oder her – es sieht aus, als wäre hier wirklich das Potential vorhanden, über – so die offizielle Zielsetzung – ‚Business Ecosystems’, ‚Leadership Models’ und ‚Knowledge Management’ nachzudenken und neue Lösungen anzustoßen. René Obermann wird Angela Merkel einiges zu erzählen haben.

Johannes
5. Juli 2009 — 22:56Finds ja seltsam, dass man von solchen Veranstaltungen immer erst nachher hört.
Markus Albers
6. Juli 2009 — 09:42@Johannes: War auch wirklich sehr spannend. Ist aber auch noch nicht vorbei, im Gegenteil – dieses Camp diente wohl der Vorbereitung, im Herbst folgt dann in Berlin die große Hauptveranstaltung … eher nicht öffentlich, aber interessante Gäste werden offenbar ab und zu eingeladen … und wenn Du in diesem Kontext nicht interessant bist, weiß ich’s nicht. :)
Stefan Liske
6. Juli 2009 — 16:48Lieber Johannes, hier Stefan von unlike bzw. PCH Berlin-Los Angeles. Ich hatte schon die ganze Zeit im Kopf, Dich über dieses very special project zu informieren. Aber wir (meine Agentur ist eine der begleitenden Umsetzer) sind immer noch in der Testphase (deswegen auch das Micro-Camp im Radialsystem als Testing Ground) für das große Herbst-Camp. D.h. wir entwickeln momentan das Camp-Format, entwickelnn die Methoden und finetunen die sog. Content Streams, die inhaltlich den roten Faden bilden werden. Aber wenn Du interessiert bist, just call or mail me. LG, Stefan Liske
markusalbers
6. Juli 2009 — 17:58@Johannes, @Stefan: Das wäre natürlich toll, wenn Ihr beiden Euch auf diesem Wege kennenlernt. Ich schicke Euch auch mal gegenseitig Eure Kontaktdaten per Mail, falls Ihr die noch nicht habt. Gruß, Markus