Die neue Lust am Landleben – zu Besuch in Europas Hightech-Dörfern

Das letzte Wochenende habe ich auf dem Lande verbracht (nein, das auf dem Bild bin nicht ich – mehr dazu weiter unten). Für jemanden, wie mich, der in Berlin Mitte wohnt, ist das durchaus ungewöhnlich. Ich wurde zwar in einer kleinen Stadt im Münsterland geboren und habe als Kind direkt neben Bauernhöfen gelebt – trotzdem oder vielleicht gerade deshalb zieht es mich heute in der Regel nicht in Dorfkneipen, wenn ich stattdessen in urbanen Cafés sitzen kann.
Allerdings beobachte ich seit einigen Jahren den Trend zum Sommer- / Ferienhaus unter jungen Großstädtern: In meinem Bekanntenkreis ist es gerade irrsinnig schick, sich ein Häuschen in der Märkischen Schweiz oder der Uckermark zu suchen (für Nicht-Berliner: das sind idyllische Regionen etwa eine Stunde außerhalb der Hauptstadt). Und so war ich also am Wochenende bei Freunden in Buckow, bin am See spazierengegangen, habe das 80-Quadratmeter-Appartement in der alten Villa am Waldrand bewundert und nicht zuletzt die Miete von schlappen 400 Euro. Ist das hier – so fragte ich mich – vielleicht ein erstrebenswerter Lifestyle?
Ich glaube: Viele Menschen zieht es aus der Großstadt in die Provinz. Sie wollen Naturverbundenheit erleben, aber dafür nicht ihre hochqualifizierten Jobs aufzugeben. Kommunen in ganz Europa stellen sich auf die neue Entwicklung ein und erfinden sich als breitbandig angeschlossene Hightech-Dörfer neu. Im Fall von Estland will gar eine ganze Nation ihre Bauernhöfe mit WIFI versorgen: Das zuständige Ministerium verspricht, kostenloses Internet nach den Städten nun aufs Land zu bringen – und damit gut bezahlte Wissensarbeiter in die Wälder zu locken.
Ich habe neulich über Tallinn geschrieben, die estländische Hauptstadt, in der es es flächendeckend freies Internet gibt. Cafés, Museen, Tankstellen und seit einigen Monaten sogar Bus und Bahn sind mit WIFI ausgestattet – komplett umsonst. Überall in der Innenstadt hängen Straßenschilder, die auf staatlich gesponserten Datenfunk hinweisen. Aber was Katrin Pärgmäe vom Estonian Informatics Center als nächstes angeht, ist deutlich spektakulärer: “Die Steuererklärung dauert in unserem neuen Regierungsportal nur 10 Minuten. Vor zwei Jahren wurde zum ersten Mal online gewählt. Eltern kontrollieren die Hausaufgaben ihrer Kinder auf der Schulwebsite. All das bringen wir jetzt mit kostenlosem WLAN in die Dörfer.” Das sieht dann vielleicht so aus wie auf dem oben abgebildeten Pressefoto, das Pärgmäes Abteilung verbreitet.
Weitere Beispiele der Fusion von ländlicher Idylle und moderner Technik:
– Zevillage in der Normandie, das sich in “zevillage.net” umbenannt hat und Frankreichs erstes Internetdorf sein will. Zwischen Kühen und Treckern leben hier Telearbeiter, die dem hektischen Paris entkommen sind und lieber im umgebauten Bauernhof über Blogs und Downloadraten plauschen.
– Coletta di Castelbianco, ein mittelalterliches Städtchen an der italienischen Riviera, das schon seit einigen Jahren als Vorzeigebeispiel der komplett breitbandig angebundenen Idylle gilt.
– Die Gemeinde Bisingen in Baden-Würtemberg, ausgezeichnet als deutsches “Internetdorf 2008″, die stolz ist auf Innovationen wie ihre virtuelle Bürgersprechstunde.
Zwei Dinge zeigt diese Entwicklung auf jeden Fall:
1) Die Kreative Klasse siedelt sich nicht nur in großstädtischen Szenevierteln an, wie das Richard Florida in seiner These der “Spiky World” behauptet, sondern mag durchaus aufs Land ziehen (und clustert sich hier ebenfalls – sprich: es gibt regelrechte Kreativen-Dörfer, in denen die teuren Autos vor den alten Häuschen Nummernschilder aus der Großstadt haben).
2) Ländliche Regionen und Dörfer können mitmachen beim Kampf um gut ausgebildete Wissensarbeiter. Das ist eine wichtige Information für Städteplaner, Standortpolitiker sowie Theoretiker der globalen Mobilität und des digitalen Nomadismus.
Die These wäre also nicht: Dörfer haben jetzt auch manchmal Internet (das wäre natürlich trivial). Sondern: Die kreativen Zentren der Zukunft liegen nicht notwendig im Urbanen. Vielmehr können sich auch kleine Gemeinden als idyllischer Ort zum Leben und Arbeiten neu erfinden.
