Die modernste Stadt der Welt
Jeder kennt das: Hotels und Flughäfen verlangen Unsummen für drahtlosen Internet-Zugang. Auf Reisen und in fremden Städten ist man dankbar, mal ein Café entdeckt zu haben, das zum Heißgetränk einen W-LAN-Zugang anbietet. Aber in der Regel ist man unterwegs auf teure Daten-Abos und UMTS-Karten angewiesen.
Wie eine moderne Gesellschaft hingegen das Recht auf freien Internet-Zugang für Jedermann in den Alltag umsetzt, kann man in Estland bewundern: Hier gibt es flächendeckend freies Internet. Cafés, Museen, Tankstellen und seit einigen Monaten sogar Bus und Bahn bieten kostenloses WIFI. In der Innenstadt von Tallinn hängen überall Straßenschilder, die auf staatlich gesponserten Datenfunk hinweisen. Und nicht mal die Luxushotels der Stadt – sonst die schlimmsten Beutelschneider – können es sich hier leisten, für Internetzugang Geld zu verlangen. Ideal für mobiles Arbeiten, für Business Traveler und Weltenbummler.
Ich war gerade für einen Zeitschriften-Artikel in Tallinn, habe mir die Situation angeschaut, die ich bisher nur aus Erzählungen kannte und habe mit einigen der Protagonisten über die neuesten Entwicklungen gesprochen. Der Erfinder dieses Online-Paradieses, Veljo Haamer, kämpft seit Mitte der 90er für WIFI, hat inzwischen die Regierung und die großen Konzerne auf seiner Seite und sagt: “Ein Onlinezugang ist heute wie eine Strom- oder Wasserleitung – ein Grundrecht.” Ausserdem, so fand ich bei unserem Treffen heraus, mag er belgisches Bier, das man “ganz langsam trinken muss, wie Wein”.
Und weil eh fast alle Esten online sind, erledigen Sie auch gleich sämtliche Behördengänge am Rechner. Katrin Pärgmäe vom Estonian Informatics Center (der Estländische Name ist etwas komplizierter, siehe Bild oben) behauptet: “Die Steuererklärung dauert in unserem nagelneuen und übersichtlichen Regierungsportal nur 10 Minuten, ein Gewerbe anzumelden 15 Minuten.”
Vor zwei Jahren wurde zum ersten Mal online gewählt. Eltern kontrollieren die Hausaufgaben ihrer Kinder auf der Schulwebsite. Parkgebüren werden per SMS bezahlt. Und weil sogar das Bier in der Künstlerkneipe mit Kreditkarte abgerechnet wird, gibt es in Estland einfach gar kein Münzgeld mehr.
Eine paar Tage in Tallin fühlen sich also an wie ein Besuch in der modernsten Nation der Welt – auch wenn die perfekt erhaltene Altstadt auf den ersten Blick eher das Gegenteil signalisiert. Aber genau das macht den Charme dieser Stadt aus. Womöglich ist das hypervernetzte aber entspannte Tallinn ein Vorgeschmack darauf, wie wir alle künftig leben können. Ausserdem sind die Menschen sehr nett, das Essen herzhaft und jetzt im Herbst strömen auch keine Horden betrunkener Briten durch die mittelalterlichen Gassen. Kurz: Es ist wirklich sehr schön dort.




