“Der neue Job wird auch scheisse sein” – kündigen oder sich arrangieren?

Volker Marquardt (Bild) ist gerade 40 geworden. Und hat ein Buch darüber geschrieben, wie sich das anfühlt, was sich in seinem Leben dadurch verändert hat. Klingt nach Nabelschau? Vielleicht, aber Volker – ja, er ist auch ein guter Freund von mir – darf das. Er ist Journalist und hat vor einigen Jahren schon mal ein lesenswertes Generationenbuch veröffentlicht: “Das Wissen der 35-Jährigen” hieß es und hat es zu Recht bis zur Titelstory der Schweizer Weltwoche gebracht.
Im neuen Buch “Halbzeit – was mit 40 wirklich zählt” diskutiert Volker Marquardt Themen wie Körper, Liebe, Familie … aber eben auch Arbeit. Und das macht sein Thema für mich interessant. Wie sieht die Generation der um die 40jährigen das Thema Job? Warum sind ihre Mitglieder oft unzufrieden, rastlos, ein bisschen desillusioniert? Was erwarten sie von einem guten Arbeitgeber? Welche Berufschancen bieten sich ihnen noch? All diese Fragen hat Volker in Interviews gestellt, hat Studien und Statistiken gewälzt und sein eigenes Leben analysiert. Das Ergebnis ist kurzweilig, clever und eher launiges Essay als trockenes Sachbuch. Es interessiert bestimmt nicht nur 40jährige. Aber lest selbst mal rein:
“Die meisten von uns arrangieren sich immer wieder mit ihrem Job. Das ist nicht unbedingt Resignation, sondern eher eine neue Betrachtungsweise. Mit Vierzig erwarten wir einfach nicht mehr von unserem Job, dass er uns rundum glücklich macht. Wir haben in den letzten 10, 20 Jahren eines gelernt: Der Job kann noch so abwechslungsreich, interessant oder gut bezahlt sein – irgendwann wird er eben Routine. Das gilt auch für die Chef-Positionen oder die beim Konkurrenten.
Erstaunliche 69 Prozent der deutschen Erwerbstätigen machen laut einer Studie des renommierten Gallup Institut nur noch Dienst nach Vorschrift. Weitere 18 Prozent leben sogar im Zustand der inneren Kündigung und nur jeder zehnte ist mit seinem Job zufrieden. Auch in meinem Bekanntenkreis sind höchstens ein, zwei Vierzigjährige mit ihrer Arbeit wirklich rundum zufrieden. Was ihr Geheimnis ist, wüssten die anderen auch gerne. Der Rest meckert in regelmäßigen Abständen über die Chefs, die Arbeitszeiten, die Kollegen oder die Kantine.
Seit Monaten redet Andreas von nichts anderem als von seinem Ärger im Job. Jetzt müsse er endlich kündigen. Jetzt sei es aber wirklich genug. „Ich suche mir jetzt einen neuen Job und damit Basta.“ Als ich ihn dann ein paar Wochen später in einer Bar traf, klang er schon wieder ganz anders: Ach, das mit dem Job – das habe sich in Wohlgefallen aufgelöst. Nein, wechseln wolle er jetzt nicht mehr: „Das andere Job-Angebot war bei Licht betrachtet auch nicht so toll. Da wäre ich doch vom Regen in die Traufe gekommen.“ Außerdem fragt sich der Mitarbeiter einer großen Pharmafirma, was ihm der Wechsel bringen soll. „Der neue Job wird doch auch scheiße sein.“
So etwas hört man öfters von Vierzigjährigen. Regelmäßig stellen sie ihren Job in Frage, auch grundlegend. Aber was beim Ramazotti oder Kaffee im Gespräch mit Freunden noch entschlossen und mutig klingt, ist häufig am übernächsten Morgen im Büro schon wieder verraucht. Dann denkt Andreas an die Vorteile seiner langjährigen Festanstellung: Seine Gratifikation, die Mitarbeiter erst nach drei Jahren bekommen, hat er schon fest für die Renovierung seiner Wohnung verplant. Auch auf die Weihnachtsfeier freut er sich jetzt schon ein bisschen, besonders auf die Fotos im Intranet am nächsten Tag. Dass er regelmäßig an Fortbildungen teilnehmen darf, die sich gut in seinem Lebenslauf machen, weiß er ebenfalls zu schätzen. Manchmal erinnert er sich daran, wie es vorher war und dass ihn seit der neuen Stelle, Vermieter und Bankangestellte plötzlich richtig gern haben. Das Leben wurde viel leichter, auch weil ihn Bekannte, Freunde und die Eltern seiner Frau nicht mehr schief angeschaut haben.
„Gerade habe ich ein neues, finanziell noch besseres Angebot von einem Konkurrenten bekommen“, sagt er ein paar Wochen nach einer weiteren Job-Krise. „Aber es ist noch nicht der richtige Zeitpunkt für eine Kündigung. Ich kann bei meiner alten Firma noch etwas reißen. Und: Ich bin noch nicht genervt genug.“ Was er nicht sagt: Natürlich hat er mindestens drei Monate Probezeit. Da er ein ziemlich schwieriger Charakter ist, ist nicht klar, ob er sich mit seinen neuen Kollegen verstehen wird. In seinem alten Büro wissen die meisten, wie sie ihn zu nehmen haben. Im neuen Job würde Andreas erstmal anecken, für Irritationen sorgen, möglicherweise scheitern. Er hat sich eben eingerichtet. Da ist ihm ein Wechsel zu unsicher – in seinem Alter. Deshalb macht er eben weiter Dienst, manchmal auch nur nach Vorschrift – na und?!”
Soweit der erste Teil des Gastbeitrages von Volker Marquardt. In ein paar Tagen folgt Teil zwei.
Till
26. Januar 2009 — 10:33Mann Mann Mann do…ich bin mal auf den zweiten Teil gespannt. Der erste klingt jetzt für mich einfach wie “mit 40 hat man keine Eier mehr und hofft nur noch auf die Rente und hat sich beim Bestatter auch schon einen Sarg ausgesucht.” Was bringen einem bitte Fortbildungen, die gut für den Lebenslauf sind, wenn man sowieso nicht den Job wechselt?
Frage: Ich bin 24, für mich ist der Text einfach nur deprimierend, wie liest sich das mit 40?
typopartner
26. Januar 2009 — 11:32Ja, das kann doch nicht alles gewesen sein. Das ist die Essenz, die übrig bleibt, wenn einem keine befriedigenden Antworten zu den Fragen des Arbeitslebens mehr einfallen. Spätestens dann muss gehandelt werden. Alternativen müssen her und sei es auch nur ein Plan, was mit 40 anders sein soll. So war es auch bei mir. Und ich nahm mir vor, mit 40 selbständig zu sein. – Geplant, getan! Ich bin raus aus der Tretmühle und mein eigener Herr. Und hier die Empfehlung an alle Unzufriedenen: “Wenn Ihr es ernst meint, dann ändert Eure Situation. Nur so wird es besser.”
Solsbury
27. Juli 2010 — 22:21Danke, typopartner. Du machst mir Mut. Ich gehöre zu denen, die Marquardt in seinem Buch erwähnt und schon oft irgendwas von Kündigung dahingesagt haben, aber es nie gemacht haben – bis jetzt! Am 30.07. soll es sein. Es plagen mich aber doch leise Zweifel, ob ich nicht ein klein bisschen wahnsinnig bin. Mit 42 bekomme ich sicher nicht mehr so leicht einen Job wie mit 32, ich habe Frau und zwei Kinder. Und wenn ich wählen könnte zwischen 25 Jahre (bis zum Ruhestand) arbeitslos und 25 Jahre bei meinem jetzigen Arbeitgeber, wäre letzteres das kleinere Übel. Aber trotzdem – so geht das nicht weiter. Mein Arbeitgeber verlangt zu viel und gibt zu wenig. Und dann liest man im Netz wieder solche Sachen wie “Flaute auf dem Arbeitsmarkt – wer jetzt seinen Job kündigt, hat wohl im Lotto gewonnen oder ist verrückt” … na toll … Aber vielleicht brauchts doch mal eine mutige, wenn auch leicht wahnsinnige, Entscheidung.