“Der Einzelne muss sich jetzt mit eigener Kreativität über Wasser halten”

Weiter geht’s in der Reihe mit Interviews fürs kommende Buch. Heute ist Werner Eichhorst (Bild) dran, Stellvertretender Direktor Arbeitsmarktpolitik am Bonner IZA. Seine Forschungs-Schwerpunkte sind international vergleichende Analyse von Institutionen, Entwicklung von Arbeitsmärkten sowie der Vergleich von beschäftigungspolitischen Strategien, Reformprozessen und Politikberatung.
Klingt kompliziert, doch Eichhorst ist kein Akademiker im Elfenbeinturm. Er berät die Bundesregierung, wird oft zu Arbeitsfragen im Fernsehen interviewt – und hat sogar ein Facebook-Profil. Ich habe ihn bei einer Veranstaltung am IZA kennengelernt und wir sind in Kontakt geblieben. Fürs Buch wollte ich von ihm wissen, was die Krise für die Zukunft der Arbeit bedeutet.
Herr Eichhorst, die Wirtschaftskrise flaut ab, doch der Schrecken sitzt tief, viele alte Gewissheiten und Institutionen sind erschüttert. Müssen wir uns und unsere Jobs nun neu erfinden?
Werner Eichhorst: Zumindest Berufseinsteiger, die sich derzeit überall Einstellungsstopps und prekären Arbeitsverhältnissen gegenüber sehen, müssen jetzt besonders kreativ sein. Gegenwärtig kommt eine ganze Welle von hochqualifizierten und hochmotivierten Leuten in den Arbeitsmarkt, die nicht ohne Weiteres eine Stelle finden werden, die ihren Ansprüchen genügt. Sie werden die eine oder andere Warteschleife durchlaufen müssen und in dieser Zeit sicher auf die Idee kommen, mal etwas Neues auszuprobieren.
Die Menschen werden experimentierfreudiger?
Wären feste Jobs mit guter Bezahlung bis zur Rente beliebig verfügbar, würden sie auch von den Jüngeren sicher gern angenommen. Nun ist die Situation aber aufgrund struktureller Veränderungen und der aktuellen Krise in der Wirtschaft nicht so. Jeder ist also gehalten, sich mit eigener Anstrengung und eigener Kreativität über Wasser zu halten – das ist die ganz zentrale Herausforderung für den Einzelnen.
Wie sieht das in Zahlen aus?
Zwar zeigen unsere Studien, dass immer noch 55 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland unbefristet in Vollzeit arbeiten und dass diese Zahl auch in den letzten Jahren gar nicht stark zurückgegangen ist. Auch gibt es insgesamt mehr Arbeitsplätze als noch vor fünf oder zehn Jahren. Wir haben also einen größeren Arbeitsmarkt als früher, auch viele Frauen und früher Arbeitslose sind neu in diesen Markt eingetreten. Wir sehen – bei einem relativ stabilen Kern – zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten im Bereich Selbständigkeit, Zeitarbeit und Teilzeit. Zugleich sind die Übergangsphasen am Berufseinstieg eher länger geworden. Auch Höherqualifizierte machen heute mehr Volontariate, Praktika und zusätzliche Qualifikationsphasen, viele von ihnen haben zunächst eine befristete Beschäftig. Das ist für die meisten bereits ein normales Einstiegsverhältnis, sozusagen eine verlängerte Probezeit.
Wird bald alles wieder so werden wie vor der Krise?
Nein. Die Lasten der Anpassung werden nicht von den Randbelegschaften, etwa den Zeitarbeitern, und den Berufseinsteigern, sondern auch vom Kernarbeitsmarkt getragen. Der klassische Opel-Arbeiter wird über kurz oder lang mit hoher Wahrscheinlichkeit seinen Arbeitsplatz verlieren, auch die Beschäftigten bei Unternehmen wie Quelle, Schaeffler oder Märklin. Jobs, die lange Zeit für krisensicher gehalten wurden, brechen jetzt weg und werden in der Größenordnung, wie wir sie bislang gewohnt waren, nicht wieder entstehen. Der Strukturwandel wird durch die Krise also eher beschleunigt.
Welche Branchen sind am wenigsten zukunftstauglich?
Im Versandhandel oder im klassischen verarbeitenden Gewerbe läuft derzeit ein starker Schrumpfungsprozess ab. Die Autoindustrie war ein Sektor, der in Deutschland relativ stark ausgeprägt war und sich jetzt unter großen Schmerzen verkleinern muss. Ähnliches sehen wir im Bereich der Finanzdienstleistungen. Das bedeutet für die Arbeitnehmer eine größere Notwendigkeit, auf neue Tätigkeitsfelder auszuweichen, auch stärker in den Dienstleistungssektor zu wechseln.
Machen sich mehr Deutsche selbständig als früher?
Diesen Trend kann man bestätigen. Deutschland liegt da aufgrund der Tradition der sozial abgesicherten und auf Dauer angelegten Beschäftigungsverhältnisse und der weit verbreiteten Sehnsucht nach einer beamtenmäßigen Anstellung zurück gegenüber andern Staaten. Es war auch bislang aufgrund der relativ guten Verfassung des Arbeitsmarktes nicht unbedingt nötig, sich darüber Gedanken zu machen. In letzter Zeit ist das Selbständigendasein bei uns aber rehabilitiert und auch öffentlich gefördert worden – Stichwort Ich-AG. Gerade im Bereich Kreativwirtschaft und Medien ist das eines der dominanten Modelle. Und auf jeden Fall sind Großstädte wie Berlin, Köln, Hamburg oder München eine Art Laboratorium, wo solche Trends früher, kumuliert und zugespitzt beobachtet werden können.
Steckt in all dem auch eine Chance? Historisch sind viele große Marken und Produkte in Krisen entstanden …
Das sehe ich auch so. Aus der Not heraus, vielleicht auch aus der Gelegenheit, werden gerade jetzt wahrscheinlich Geschäftsideen entwickelt und Unternehmen gegründet, die wir vielleicht erst in zehn Jahren kennen werden. Ich bezweifele nur ein bisschen, ob Deutschland da immer genug Humus bietet, genügend Anknüpfungspunkte, um so etwas entstehen zu lassen.
Was fehlt dazu?
Vor allem eine ausreichende Förderung im Bereich der Existenzgründung. Und der Bereich Ausbildung vernachlässigt beispielsweise die Entwicklung tragfähiger Ideen aus den Hochschulen heraus …
… wie das in den USA üblich ist …
… genau. In den Konjunkturpaketen der Politik sehen wir aber eher konservativ angelegte Dinge, wie Abwrackprämie, Straßenbau oder Kurzarbeit – alles Dinge, die den Strukturwandel eher verlangsamen sollen.
Was muss die Politik stattdessen konkret tun?
Mehr Geld ausgeben, um kleineren Unternehmen auf die Sprünge zu helfen, die jetzt entstehen. Damit sind größere Multiplikatoreffekte positiver Art verbunden als damit, Unternehmen zu finanzieren, die über kurz oder lang schrumpfen oder untergehen werden.
In welche Bereiche sollte Geld fließen?
Energieeffizienz, intelligente Gebäude, auch neue Formen der Energiegewinnung. Fortschrittliche Lösungskonzepte im Bereich Verkehr. Bildung, Forschung … und dann vor allem innovative Formen im Gesundheits- und Pflegebereich – das ist ja auch so ein Feld, das in Deutschland vorsintflutlich verwaltet wird, aber riesige Innovations- und Geschäftspotentiale bietet
Soweit der erste Teil des Interviews mit Werner Eichhorst. Der zweite Teil, in dem es um Bildungspolitik und globale Mobilität geht, erscheint in einigen Tagen.