Vanity Fair

"Ihr hängt an alten Regeln"

Der Unternehmer Timothy Ferriss sagt in einem neuen Buch, dass auch wir nur vier Stunden pro Woche arbeiten müssten – wenn wir die Zeitfresser in unserem Alltag eliminieren

Erschienen:

  • März 2008
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VANITY FAIR Fünf Jahre nach Einführung der Agenda 2010 arbeiten die Deutschen immer mehr für immer weniger Geld. Sind wir zu pflichtbewusst und diszipliniert?

TIMOTHY FERRISS Die Deutschen haben die besten Voraussetzungen für das, was ich Lifestyle-Design nenne. Sie haben eine exzellente mentale Hardware, sie sind geübt darin, in Systemen zu denken und Prozessen zu folgen. Aber manche Deutsche hängen an alten überkommenen Regeln, sozusagen an alter Software.

VF Sie behaupten, man müsse heutzutage nur noch vier Stunden pro Woche arbeiten. Das klingt absurd.

T.F. Bei meinem Konzept geht es darum, Input zu reduzieren und Output zu maximieren, die Regeln infrage zu stellen, mit denen man sich schadet. Klassische deutsche Tugenden wie Pflicht, Fleiß, Pünktlichkeit und Disziplin sind durchaus nützlich. Aber Gehorsam kann auch gefährlich sein.

VF Wo zum Beispiel?

T.F. Nachrichten und Informationen sind exzellente Sklaven, aber schreckliche Herren. 27 Prozent aller Blackberry-Nutzer checken ihre E-Mails alle fünf Minuten. Wer so etwas tut, ist zum Sklaven eines Effizienzprozesses geworden, statt ihn zu beherrschen. Das ist kein neues Konzept in Deutschland, aber eines, das oft vergessen wird. „Ein unnütz‘ Leben ist ein früher Tod“, sagte Goethe schon vor ziemlich langer Zeit.

VF Müssen wir die protestantische Arbeitsethik loswerden?

T.F. Ich habe nichts dagegen, hart zu arbeiten, aber nur, wenn es dabei um die richtigen Dinge geht. Denken Sie daran: Zeit ist eine nicht erneuerbare Ressource. Wenn sie fort ist, ist sie fort.

VF Wie werde ich im Beruf glücklicher?

T.F. Machen Sie eine Analyse, womit Sie Ihre Zeit verbringen. Was sind die 20 Prozent an Aktivitäten und was die 80 Prozent an Ablenkungen und Unterbrechungen? Dann schreiben Sie die schlimmsten Zeitfresser auf eine „Not-todo-Liste“ und schauen jeden Morgen darauf. Zum Beispiel: Checken Sie Ihre E-Mails erst ab elf Uhr vormittags, und erledigen Sie in der gewonnenen Zeit lieber unangenehme Aufgaben, um die Sie sonst einen Bogen machen.

VF Sie selbst haben sich ein traumhaftes Leben designt, mit langen Weltreisen, interessanten Hobbys und ohne Bürostress. Wie soll das bei uns gehen?

T.F. Legen Sie das monatliche Zieleinkommen für Ihren Traumlebensstil fest. Rechnen Sie aus, welches stündliche Einkommen Sie dafür brauchen. Und dann fangen Sie an, strategisch Dinge zu eliminieren, die Sie ablenken.

VF Kann man denn mit einem normalen Job wirklich selbstbestimmt leben?

T.F. Doch. Ich kenne alleinerziehende Mütter, die mit Unterstützung ihrer Vorgesetzten ein Jahr um die Welt reisen. Ich erwarte nicht, dass jemand über Nacht von 80 Stunden auf vier Stunden Arbeitszeit pro Woche kommt. Aber man kann durchgearbeitete Nächte und Wochenenden eliminieren, dann zehn Stunden weniger schuften und dann 20. Ich zitiere noch mal Goethe: „Viele Menschen kümmern sich nicht um ihr Geld, bis sie an sein Ende kommen, und andere tun genau dasselbe mit ihrer Zeit.“ Das stimmt immer noch, aber heute haben wir bessere Werkzeuge, um die Zeit zurückzuerobern.

– Interview: Markus Albers