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Mein Chef, das unbekannte Wesen

Durch die Wirtschaftskrise kommt nur, wer weiß, wie sein Vorgesetzter tickt. Dazu muss man erst erkennen, was für ein Typ er ist

Erschienen:

  • März 2009

Illustrationen:

  • Uli Oesterle
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DER MACHER


WORAN MAN IHN ERKENNT:

Legt bei Meetings klare Ziele fest. Fasst nach Diskussionen zusammen, was beschlossen wurde, wer wofür zuständig ist und bis wann. Vergisst dies dann auch nicht, sondern hakt spätestens bei der verabredeten Deadline garantiert nach. Will Ergebnisse, misst sich selbst und andere am Output. Vermeidet Geschwätz und verachtet Schwätzer. Eher kein Visionär, aber der ideale Manager.


WIE MAN MIT IHM UMGEHT:

Jeder Chef mag es, wenn man ihm statt Problemen Lösungen präsentiert, aber der Macher besteht geradezu darauf. Langwieriges Vorjammern, was wieder alles schiefgegangen ist, führt bei ihm mit Sicherheit auf die Abschussliste. Dynamisch wirken ist gut, Dinge wirklich geregelt bekommen noch besser. Arbeiten Sie an Ihrer persönlichen Produktivität. Beherzigen Sie die nach einem italienischen Volkswirtschaftler benannte Pareto-Regel, nach der Sie mit 20 Prozent des Aufwands 80 Prozent der Ergebnisse erzielen. Identifizieren Sie diese 20 Prozent, und konzentrieren Sie sich darauf. Eliminieren Sie Zeitfresser: Lesen Sie morgens nicht als Erstes E-Mails und tagsüber nicht alle zehn Minuten – dreimal pro Tag aufgelaufene Mails durchzuarbeiten ist effektiver. Ganz wichtig: Legen Sie sich ein wasserdichtes Erinnerungs-und To-do-System zu, zum Beispiel die „Getting Things Done“-Methode des US - Autors David Allen (davidco.com). Damit erreichen Sie unter anderem den idealen Zustand der „Zero-Inbox“. Anstatt Ihr Mailprogramm als Kalender und To-do -Liste zu missbrauchen, werden die Mails wegsortiert und der Posteingang ist immer: leer.


WILL ICH AUCH SO WERDEN?

Es gibt schlechtere Vorbilder. Macher werden in allen Umgebungen gebraucht. Das ist auch eine Charakterfrage: Verblüffend wenige Menschen können Dinge so organisieren, dass sie laufen. Sind Sie in der Lage, sich das anzutrainieren, können Sie irgendwann selbst Chef werden. Jedenfalls in Umgebungen, die Macher belohnen (siehe auch: „Der Blender“).



DER ALLEINHERRSCHER


WORAN MAN IHN ERKENNT:

Status ist alles für ihn. Das Eckbüro. Der devote Ton seiner Angestellten. Der First-Class-Flug. Der Alleinherrscher will ständig repräsentieren, denn nur er ist das Gesicht seines Unternehmens. Darum ist er viel unterwegs, vielleicht aber auch gerade im Urlaub, so genau weiß man es nicht, weil man ihn im Grunde selten sieht. Was produktive Arbeit fast unmöglich macht, denn kreuzt der Alleinherrscher doch mal auf, wirft er garantiert alles über den Haufen, was sich zehn Fachkräfte vorher überlegt haben. Er hatte es ja nicht abgesegnet. Also bitte noch mal von vorn, aber diesmal richtig!


WIE MAN MIT IHM UMGEHT:

Schwierig, weil man ihn ja kaum sieht. Und er trotzdem das Nadelöhr ist, durch das alle Entscheidungen müssen. Dass er nicht mit Trivialitäten wie nahenden Deadlines oder konstruktiver Vorausplanung belästigt wird, dafür sorgen schon seine Drachenassistentin und sein Panzer gutgelaunter Ignoranz. Kommt er irgendwann doch hereingerauscht, legt er freundlich, aber bestimmt alles in Trümmer. Da kann man nur nicken, lächeln, Zähne zusammenbeißen. Oder kündigen.


WILL ICH AUCH SO WERDEN?

Wenn Sie es schaffen: auf jeden Fall. Der Alleinherrscher hat ein großartiges Leben. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Bill Jensen fand in vielen empirischen Studien heraus, dass nur egozentrische Führungskräfte frei über ihre Zeit bestimmen können. Der Alleinherrscher ist nie gestresst, genießt alle Privilegien und opfert – geht mal etwas so richtig schief – einfach ein paar Bauern. Eigentlich wasserdicht. Fliegt er doch irgendwann, gibt’s eine schöne Abfindung oder einen hoch dotierten Operettenposten.



DER KUMPEL


WORAN MAN IHN ERKENNT:

Lässig, freundlich, unkompliziert. Füße auf dem Tisch, bietet Zigaretten oder Espresso an, redet gern über Privates, macht Smalltalk: Das neue Handy, das Fußballspiel vom Wochenende, wie war’s im Urlaub? Geht mit Angestellten essen oder zum Sport, bleibt abends lang und bestellt Pizza für alle. Klingt super? Heißt aber in der Praxis oft: Entweder hat er eine versteckte Agenda und tut nur nett. Oder er ist zufällig die Karriereleiter hochgefallen, schämt sich noch ein bisschen, will den Kontakt zur Basis nicht verlieren, ist als Vorgesetzter eigentlich zu weich und unzuverlässig. Ausnahmen: Der souveräne Mentor, der hinter verschlossener Tür kurz die professionelle Maske fallen lässt und zum Kumpel wird. Oder die 0,5 Prozent wirklich angenehmer Firmen, in denen der Chef kein Schwein sein muss, weil – na ja, eben alle hier wirklich nett sind.


WIE MAN MIT IHM UMGEHT:

Vorsichtig. Nicht gleich in die Buddyfalle gehen, sondern erst mal prüfen, welcher der oben beschriebenen Kumpeltypen er ist. Und das finden Sie garantiert nicht in vier Wochen raus, eher nach vier Monaten. Oder vier Jahren. Entpuppt er sich als echter Mentor oder echter Netter, können Sie die Deckung aufgeben. Dann aber bitte komplett. Vertrauen ist im Büro so selten wie großartig, wenn man es doch mal findet.


WILL ICH AUCH SO WERDEN?

Eher nicht. Kumpelei verwischt Hierarchiegrenzen, Einkommensunterschiede und Interessenkonflikte, die es ja eben doch gibt. Spätestens wenn der Chef den Dienstmercedes aus der Tiefgarage fährt, während der Angestellte durch den Regen zur S-Bahn schlurft, wird die Hackordnung wieder offensichtlich. Kumpelei von Vorgesetzten ist darum immer auch ein bisschen feige.



DER PSYCHOPATH


WORAN MAN IHN ERKENNT:

Gibt permanent widersprüchliche Anweisungen, damit er sich umso heftiger aufregen kann, wenn man seine völlig unberechenbaren Regeln übertritt. Erwählt Lieblinge und verstößt sie ganz schnell wieder. Hat ständig Wutanfälle oder kann diese zumindest glaubwürdig darstellen. Beleidigt Mitarbeiter vor Publikum. Pflegt Marotten und Idiosynkrasien in Mode, Geschmack, Begleitung, Accessoires und Sprache. All das ist meist nur Masche, damit die Angestellten ordentlich Respekt vor ihm haben und er seine Ruhe hat. Alternative: Er ist wirklich verrückt. Macht in der Praxis kaum einen Unterschied.


WIE MAN MIT IHM UMGEHT:

Entweder Sie gehören zum engsten Kreis der Günstlinge – das kann man durch hemmungslose Wendigkeit oder, gerade im Gegenteil, durch standhaftes Selbstbewusstsein erreichen. Oder Sie gehören zu seinen Opfern, dann ist Ihr Job die Hölle. Meist wechselt Ihr Status nach Mustern, die natürlich wiederum komplett unberechenbar sind. Lesen Sie Machiavelli, der hat die Methode schon vor 500 Jahren erklärt.


WILL ICH AUCH SO WERDEN?

Wenn Sie keine Freunde brauchen, dafür Macht, Willkür und Unterwerfung Ihr Ding sind – warum nicht? Aber Vorsicht: Nicht jeder hat das Zeug z um glaubwürdigen Psychopathen. Dies ist keine Rolle, die man abends an der Garderobe wieder abgibt, sondern eine 24 /7-Berufung. Zur Einstimmung schauen Sie sich vielleicht mal „Der Teufel trägt Prada“ an oder das Frühwerk Klaus Kinskis.



DER BLENDER


WORAN MAN IHN ERKENNT:

Redet viel und laut, hat zu jedem Thema eine Meinung, weiß alles besser. So ist jeder Chef, sagen Sie? Stimmt, weil jeder Vorgesetzte zumindest ein bisschen Blender sein muss. Niemand kennt sich mit allem aus, aber vom Chef wird genau dies eben doch erwartet. Ehrliche Anführer fragen auch mal um Rat, Der Vollzeit-Blender erklärt jedem permanent die Welt. Eloquenz ist seine Waffe, Kontakte sind sein Kapital, Meinungs- und Lautstärke seine Qualifikation. Die Show des Wichtigtuens beherrscht er perfekt: Montblanc-Füller, großes Auto, Maßanzug und kunstvoll gewelltes Haar demonstrieren soziale Überlegenheit. Namedropping signalisiert ein Netz von Einfluss und Beziehungen. Ständiges Telefonieren, Zuspätkommen und Schonwieder-los-Müssen übertünchen eventuelle Unsicherheit.


WIE MAN MIT IHM UMGEHT:

Drei Strategien: 1) Speichellecken – klappt immer, denn Blender brauchen Verehrer. Muss man können. 2) Ignorieren – klappt manchmal. Dann gehört man zwar nicht zur Entourage, darf aber hoffentlich seine Arbeit in Ruhe erledigen. 3) Nützlich sein – klappt vielleicht. Weil der Blender in Wahrheit vieles eben doch nicht kann oder weiß, braucht er Problemlöser und Organisationstalente, die Dinge möglich machen und ihn besser dastehen lassen. Wer gut in der zweiten Reihe funktioniert, macht sich hier unersetzlich. Kann ein Sprungbrett zu Höherem sein – vielleicht verdorren Sie aber auch als bessere Hilfskraft oder, wie Blender so jemanden gern nennen, als „Sklave“.


WILL ICH AUCH SO WERDEN?

Geschmackssache. Der Bestsellerautor Malcolm Gladwell erklärt in seinem neuen Buch „Überflieger“, warum unsere naive Vorstellung von Genies falsch ist: Auch scheinbare Ausnahmeerscheinungen wie Bill Gates, Spitzenmusiker oder Staranwälte brauchten die richtige Kombination aus Chancen, Förderung und Zufällen, um ganz nach oben zu kommen. Bloß – nicht jeder hat genügend Kontakte und Glück. Ausweg: Mit dem nötigen Schauspieltalent bringt man es unter Umständen auch sehr weit. Zwar verkauft man dabei Authentizität, den Respekt der Angestellten, letztlich seine Seele. Aber diesen Preis zahlen Blender gern.



DER BÜROKRAT


WORAN MAN IHN ERKENNT:

Legt stets Wert auf den Dienstweg, die Hierarchie, das korrekte Prozedere, auf Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit, Höflichkeit, Fleiß. Das muss alles nicht schlecht sein. Lässige New-Economy-Turnschuhchefs entpuppten sich ja oft als die schlimmsten Menschenschinder. Der Bürokrat als Vorgesetzter ist nichts für Innovatoren, die Begriffe wie „Change Management“ mögen, „Fast Company“ lesen und gleich beim ersten Job ihre Branche neu erfinden wollen. Aber immerhin ist er berechenbar.


WIE MAN MIT IHM UMGEHT:

Ordentlich auftreten, Termine einhalten, korrekt arbeiten, Fehler zugeben. Nicht zu viele neue Ideen entwickeln. Haben Sie diese doch, besser einen neuen Arbeitgeber suchen, sonst kommt es zum Kulturkampf. Und den verlieren Sie, denn der Bürokrat hat garantiert nicht nur all Ihre Patzer notiert, sondern auch, wie oft Sie im letzten Jahr zu spät waren, wann und um wie viele Minuten. Vor allem weiß er im Gegensatz zu den meisten anderen Chefs auch noch, wo er diese Notizen abgelegt hat.


WILL ICH AUCH SO WERDEN?

Auf den ersten Blick – niemals. Auf den zweiten – mal schauen. In all der Aufregung und Unberechenbarkeit der modernen Arbeitswelt mit ihrer Flexibilität, Mobilität und dem ständigen Sich-neu-erfinden-Müssen sitzt der Bürokrat und macht einfach seinen Job. Hat pünktlich Feierabend und sicher nie ein Burn-out. Vielleicht aber irgendwann: ein Bore-out.