Die Zeit

Die Zeitungsbranche braucht ein iPhone

Rupert Murdoch hat den letzten Glaubenskampf der Medienwelt wieder entfacht: Kann man im Internet Geld für journalistische Inhalte verlangen oder nicht?

Erschienen:

  • 7. August 2009

Fotos:

  • Chip Somodevilla
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Rupert Murdoch hat jetzt noch einmal wiederholt, was er schon vor kurzem andeutete: Die Zeiten des Internet, wie wir es kennen, seien vorbei. Er meint das kostenlose Internet, in dem kein Leser für Nachrichten, Reportagen oder Interviews zahlt. Bis 2010 will Murdoch auf allen Medien-Websites seines Konzerns News Corporation von den Nutzern Geld verlangen.

Medienprofessor Jeff Jarvis, Autor des Buches Was würde Google tun? Und Apologet der aktuellen Kostenlos-Kultur, reagierte am schnellsten: "Als der Guardian mich bat, einen Kommentar zum Thema zu verfassen, bin ich rechts ran gefahren und habe im Auto geschrieben", twitterte er. Jarvis’ Tenor: Zeitungen können online nur dann Geld verlangen, wenn sie – wie die Financial Times oder Murdochs Wall Street Journal – wertvolle Fachinformationen haben, mit denen die Leser wiederum Mehrwert generieren können, und deren Rechnung sie als Spesen an ihren Arbeitgeber weiterleiten. Für alle anderen Titel sei die Hoffnung, Internet-Leser zu Kasse zu bitten, "fruchtlos und womöglich selbstmörderisch".

Ähnlich differenziert reagierte Chris Anderson, Chefredakteur der Technologie-Zeitschrift Wired : "Amüsiere mich über die schlecht informierten Spekulationen, was Murdoch gemeint haben könnte", twitterte der Autor des Buchs Umsonst, in dem er erklärt, warum digitale Produkte tendenziell immer billiger werden : "Murdoch spricht von Freemium", so Anderson: "Er wäre dumm, wenn er alle seine Seiten zu 100 Prozent kostenpflichtig machen würde. Und er ist nicht dumm."

Für alle Leser, die nicht bei einer Zeitung arbeiten, muss man die Debatte erklären. Verlagsmanager sind verzweifelt, weil die Werbeeinnahmen – und oft auch die Auflagen – der Print-Ausgaben wegbrechen, im Internet aber kein Markt nachwächst, der diese Verluste ausgleichen könnte. Für Werbung im Web wird sehr viel weniger bezahlt, für Inhalte in der Regel gar nicht.

Manche wehklagen nun, man habe zu Zeiten der New Economy einen Riesenfehler begangen, als man den Leser daran gewöhnt habe, den wertvollen Zeitungs- Content – wie man neuerdings sagt – umsonst zu bekommen. Realistischere Analysten wie Anderson und Jarvis verweisen auf die generelle Gratis- und Link-Kultur des Internet, in dem Inhalte blitzschnell überallhin kopiert werden. In dem es aber auch gut ist, wenn viele andere Seiten jemandes Content zitieren und auf dessen Website verweisen, weil das Leser bringt und damit Anzeigenumsatz. In dem nichtmonetäre Währungen wie Links, Reputation und Gruppenzugehörigkeit in vielen Fällen das Geld ersetzen.

Das klingt alles gut. Nur nützt es den Zeitungen und Magazinen nicht, die immer weniger einnehmen und darum sparen müssen. Die Verlage entlassen Journalisten, kürzen Budgets und können zunehmend schlechter begründen, warum sie für das in der Folge häufig qualitativ minderwertige Produkt nun plötzlich Geld verlangen wollen, obgleich es doch bislang im Netz umsonst zu haben war.

Murdoch will jetzt es trotzdem versuchen, und er ist nicht der einzige. Financial-Times -Chefredakteur Lionel Barber sagt voraus, dass im nächsten Jahr die meisten Zeitungen beginnen werden, ihre Internet-Nutzer zur Kasse zu bitten. David Simon, Autor der preisgekrönten amerikanischen TV-Serie The Wire, einflussreiche Medienfigur in den USA und selbst ehemaliger Journalist, forderte jüngst gar die New York Times und die Washington Post auf, ihre Online-Inhalte gleichzeitig hinter eine Pay Wall zu bringen, also komplett kostenpflichtig zu machen. Legten diese Dickschiffe vor, könnten alle anderen Zeitungen nachziehen, glaubt Simon.

Simon ist ein kluger Mann, aber diese Hoffnung ist vermutlich naiv. Niemand bezahlt für den Zugang zu einer Website, auf der er Nachrichten findet, die er – und das ist die Natur des Internet – in Sekunden woanders kostenlos finden kann. Es wird nie möglich sein, alle Löcher zu stopfen: Die Marktlogik und die dezentrale Natur des World Wide Web werden dafür sorgen, dass sich immer ein neuer Anbieter fände, der dieselben News umsonst anböte.

Für Kommentare kann man auch kein Geld verlangen, wie das Beispiel von Times Select zeigt, des grandios gescheiterten Online-Bezahlprogramms der New York Times, das vor einigen Jahren die Leitartikel kostenpflichtig machte. Und die Hoffnung, dass die an schnelle, vielfältige Informationsaufnahme gewöhnten Onlineleser ausgerechnet für lange Reportagen und hintergründige Tiefenanalysen zahlen mögen, dürfte auch eher dem Wunschdenken klassisch ausgebildeter Journalisten entspringen.

Und doch ist Murdochs Vorstoß nicht vergeblich. Denn dass Menschen für digitale Inhalte Geld ausgeben, wenn sie einen klaren Nutzen für sich erkennen, der Preis niedrig und das Bezahlsystem einfach genug ist, zeigt Apples App-Store für das iPhone , in dem Millionen von Nutzern kleine, nützliche oder auch nur lustige Programme für oft weniger als einen Euro kaufen. Nur: Für welche Verlags-Inhalte würden sie zahlen?

Das von Anderson favorisierte Freemium-Modell scheint realistisch. Die Verlage könnten den populären Teil der Zeitungs-Inhalte – Meldungen, große Sportereignisse, Buntes – weiter werbefinanzieren und in den Nischen für jene Leser, die sich wirklich für bestimmte Themen interessieren und aus ihnen individuellen Nutzen ziehen, nach Möglichkeiten für Bezahlung suchen.

Darüber, was man ihnen anbieten könnte, zerbrechen sich auch in Deutschland Verleger und Redaktionen den Kopf. Man kann sich vorstellen, dass Fans von Pop-Bands, Fußballvereinen oder hochspezialisierten Hobbys bereit wären, für aktuelle, professionell aufbereitete und nutzerfreundlich abrufbare Informationen zu ihrem jeweiligen Lieblingsthema kleine Summen zu zahlen. Vielleicht könnten sich solche Angebote auch selbst tragen. Wie damit ein Netz an Auslandskorrespondenten oder gar monatelange investigative Recherche in den Politik- und Wirtschaftsressorts finanziert werden sollen, ist aber völlig ungeklärt.

Interessanter scheint da, das Abo-Modell in Verbindung mit neuen elektronischen Lesegeräten wiederzubeleben. Für auf Papier gedruckte statische Nachrichten von gestern wollen immer weniger Leser zahlen. Vielleicht aber für sich stets aktualisierende, multimedial aufbereitete Nachrichten, die aktuell auf einen Reader wie Amazons elektronisches Buch Kindle gesendet würden. Strichen Verlage Papier, Druck und Vertrieb aus der Kalkulation, könnten sie ein Zeitungs- oder Magazin-Abo günstiger als derzeit anbieten und gleichzeitig ein solches, dank technischem Fortschritt schon bald sehr viel attraktiveres Lesegerät umsonst oder sehr billig dazugeben, so wie Mobilfunkbetreiber die Handys subventionieren. Ein solches Abo könnte sogar bequem über die Telefonrechnung bezahlt werden, da der Handy- oder Internetprovider sowieso die Daten überträgt.

Es braucht also ein iPhone für die Verlagsbranche – und eher früher als später wird es eines geben. Vielleicht ist es das große, leichte und in der nächsten Generation auch flexible E-Paper, das die Dresdner Firma Plastic Logic im kommenden Jahr herausbringen will. Jene Qualitätszeitung, die sich als erste durch ein erschwingliches Abomodell, gebündelt mit einem schönen Spielzeug neu erfindet, wird auch junge Leser wieder begeistern.